Beitrag 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Seite
610
Einzelbild herunterladen
 

610

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspiegel

Der hervorragende Soldat, der soeben aus dem Leben geschieden ist, Feldmarschall Graf Waldersee, hat seit seiner Rückkehr aus China in engerm Kreise immer wieder auf die Unvermeidlichkeit der Entwicklung in Ostasien, der wir jetzt bei­wohnen, und insbesondre auf das zu gewärtigende Hervortreten Amerikas hinge­wiesen. Auch die Sorge um unsre deutschen Zukunftsinteressen sprach dabei mit. Amerikas Stellung zu Japan erklärt sich einerseits ans seinen Handelsinteressen, die es mit Japan und der Mandschurei verknüpfen, andrerseits ans seinem Anspruch ans die Hegemonie auf dem Großen Ozean. Will Amerika diesen Anspruch be­haupten, so muß es mit Japan Freund oder Feind sein. Einstweilen fordern seine Interessen ein freundschaftliches Verhältnis, wobei die noch unzureichende Stärke der amerikanischen Flotte und das englisch-japanische Bündnis entscheidend in das Gewicht fallen. Vorläufig wird dieses Bündnis wenigstens auf der asiatischen Seite des Ozeans der amerikanischen Hegemonie noch einen festen Riegel vorschieben. Ein englisch-amerikanisch-japanischer Dreibund im Osten wäre vielleicht nicht unmöglich, aber England ist nicht gewöhnt, in einem solchen Bunde der Zweite zu sein, und daun gegen wen soll ein solches Bündnis sich richten? Gegen Rußland oder gegen ein mit Rußland verbündetes China? China kaun heute den Russen als Gegner unbequem werden, als Verbündeter käme es, auch Japan gegenüber, wenig in Betracht. Oder gegen eine Betcitigung der russisch-französischen Interessenge­meinschaft in Ostasieu? Anfänglich hat man sich ja in Paris nicht genug gegen den Gedanken wehren können, daß Frankreich dein ^mi st ^.Uis auch in Ostasien verpflichtet sei. Noch vor kurzem konnte man in einer angesehenen Pariser Revue lesen, daß der russisch-frauzösische Notenaustausch der Gegenzug gegen das englisch-japanische Bündnis inhaltlos und folglich iuntilo gewesen sei. Mit Wohlgefallen sonnte man sich in der Idee einer englisch-französischen Intimität. Den ^wi in Nöten gabMarianne" leichten Herzens auf und spann den Flirt mit dem Nachbar am Kanal; ein englisches Blatt erklärte verbindlich: Frankreich muß bei England finden, was es von Rußland vergeblich erhofft hat Elsaß-Lothringen.

Aber seit einigen Tagen scheint in die englisch-französische Suppe ein Haar gefallen zu sein. Die Pariser politischen Kreise zeigen sich besorgt um Jndo-China, die Reiskammer des Ostens/' uud die Kammer schilt deu Marineminister, daß er nicht genug für die Verteidigung dieser Kolonie vorgesorgt habe. Mit Stirn­runzeln verzeichnen Pariser Blätter, daß ein englischer Admiral das Vorgehu der japanischen Torpedoflotte ohne Kriegserklärung gegen Port Arthur sowie deu An­griff auf die russischen Schiffe bei Tschemulpo für vollkommen korrekt erklärt habe. Im heutigen Seekriege könne man nicht anders vorgehn, heute sei der Krieg zugleich die Kriegserklärung. Die Pariser Publizistik beginnt zu prüfen, wie solchen Anschauungen gegenüber die Situation der französischen Häfen beschaffen sei, uud Balfours Äußerung, daß wenn die kontinentalen Staaten einen Angriff Eng­lands abwarten wollten, sie ruhig ihre Flotten abschaffen könnten, hat in Frank­reich einen ganz entgegengesetzten Eindruck gemacht, zumal da bald darauf die Ver­sicherung folgte, daß die englische Flotte immer stärker als die russisch-französische sein werde. Um das Maß voll zu machen, graben englische Blätter dieSchlacht bei Dorking" wieder aus oder erfinden eine neue, die auf der Voraussetzung beruht,eine andre feindliche Flotte" habe die englische geschlagen, und Deutsch­land schicke nun von den ostfriesischen Häfen aus, wo alles seit langer Hand sorgfältig vorbereitet sei, eine Landungsflotte nach England hinüber. Mit Maßnahmen zur Küstenverteidigung gegen einen deutschen Angriff hat man sich drüben ohnehin seit längerer Zeit beschäftigt. Abgesehen von dem Hafen am Firth of Fife, der sich direkt gegen Wilhelmshaven richtet, werden schwere Batterien an bestimmten Küsten- Punkten gebaut und armiert. Dieses Doppelspiel in der englischen Presse, gleich-