Maßgebliches und Unmaßgebliches
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herz wunderlich ist, so vergaß sie plötzlich die Frau und dachte nur an die Kinder und die Pflichten, die der Vater ihnen gegenüber hatte; die Frau wurde ihr gleich- giltig; die Kinder mußten aus dieser Umgebung gerettet werdeu. Wie war es möglich, daß Wvlf sie vergessen konnte?
Mit eiligen Schritten verließ sie die Paulinenterrassc mW die Klabunkerstraße, um sich zum nächsten Telegraphenamt zu begeben. Hier, als sie das Formular vor sich hatte, auf dem sie ihren Ruf nach Wolf schreiben wollte, fiel ihr erst wieder ein, weshalb ihr Bruder schon ganz notwendig kommen mußte. Sie lies; die Feder sinken und suchte ihre Gedanken noch einmal zu sammeln. Fünfmalhunderttausend Mark hatte die Frau gesagt.
Mit einem Seufzer der Befriedigung schrieb Asta die Adresse. Nun war der Dovenhof für Wolf und die Kinder gesichert.
(Fortsetzung folgt)
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel
Deutschland und der ostasiatischc Konflikt. Ob die Ratschläge, denen Japan gefolgt ist, als es den Jnteressenkonflitt mit Rußland auf die Spitze trieb, ihm zum Heile gereichen werden, ist eine Frage, die nur der Erfolg beantworten kann. Der Ausgaugspuukt dieser Politik ist der am 30. Januar 1902 geschlossene englisch-japanische Bündnisvertrag.*) Aus Artikel 5 dieses Vertrags geht hervor, was auch durch manche andre Anzeichen bestätigt wird, daß Japan im engsten Einvernehmen mit England handelt. Der englisch-japanische Vertrag wurde geschlossen in dem Augenblick, wo sich der Krieg in Südafrika zwar entschieden zum Vorteil Englands gewandt hatte, aber sein Ende noch keineswegs nahe schien, als ferner die Verhältnisse in Irland von neuem einen bedenklichen Charakter anzunehmen drohten, und als der Kriegsminister im Unterhaus erklärte, die Rekrutierung des letzten Jahres habe uur 45000 Mann ergeben, offenbar sei England an der Grenze der Nekrutierungsmöglichkeit angelangt. Dazu hatte der finanzielle Aufwand eine uicht unbedenkliche Höhe erreicht. Aber so ernst das Jahr 1902 für Großbritannien begonnen hatte, so erfreulich war sein Verlauf. Das Bündnis mit Japan war der Anfang der Wendung; Ende März begannen die Verhandlungen mit den Buren, und am 1. Juni konnte der König in einer Botschaft an das englische Volk die Beendigung des Kriegs in Südafrika ankündigen. Drei Tage vorher hatte die Regierung im Unterhause mitgeteilt, daß seit April 1901 für die Flotte fünfunddreißig Schiffe fertiggestellt, fünfundsiebzig noch im Bau seien, darunter vierzehn Schlachtschiffe und vierundzwanzig Panzerkreuzer. Während wir in Deutschland „«schiffe" bauten, baute England „Flotten."
Ein Krieg Japans gegen Rußland gehört zweifellos in die Kategorie der Präventivkriege, vor denen Fürst Bismarck wiederholt gewarnt und gegen die er sich im Reichstage sowohl als auch in seinen „Gedanken und Erinucrungen" mit großer Bestimmtheit ausgesprochen hat. Japan bricht heute diesen Krieg vom Zaun, weil es glaubt, augenblicklich zu Lande und zur See besser gerüstet zu sein als Rußland, und weil es die Vollendung der russischen Rüstungen nicht abwarten will. Daß es hierin im vollen Einvernehmen mit England handelt, steht schon nach dem Bündnisvertrage fest. England wirft den Russen in Asien den japanischen, in Europa den makedonische» Knüppel zwischen die Beine. In dem Augenblick, wo die Kriegsslamme in Asien auflodert, sehen wir auf der Balkanhalbinsel wieder alle die bekannten Elemente an der Arbeit, in das mühsam unterdrückte Feuer zu blasen.
») Siehe den ersten Artikel dieses Hestes.