Das Jahrhundert ^9
von Georg Äemitsch in Freiburg in Baden
achdem aur 1. Jänner die Jahrhundertwende offiziell gefeiert worden ist, würde es für die Leser wenig Reiz haben, nachträglich über dieses Thema unterhalten zu werden, wenn nicht gerade diesesmal im lebhaften Kampf der Meinungen etwas neues zu Tage getreten wäre, das geeignet ist, den alten Streit, der mit jedem Jahrhundert neu entbrannt war, völlig beizulegen. Und da es eine Frage ist, die jedesmal die weitesten Kreise bewegt, so möchte manchem damit gedient sein, die verschieden Auffassuugen und Beweise übersichtlich zusammengestellt zu sehen, die sich bei der Beantwortung der Frage geltend gemacht haben. Lassen wir die einzelnen Verteidiger selbst sprechen.
1. Die Chronologen. Wir zählen unsre Jahre seit Christi Geburt. Zwar wissen wir weder den Tag noch das Jahr, wo Josua-Jesus geboren worden ist, aber das macht nichts aus. Wir würden unsre heutige Jahreszahl nicht ändern, auch wenn der Geburtstag genau erforscht werden könnte. Legt man die Überlieferungen zu Grunde, wie sie sich nach Christi Tod gestaltet haben, so scheint Samstag der 20. Mai 749 der Stadt Rom 41 seit Einführung des Julischen Kalenders — 4 der christlichen Era*) d. i. das fünfte Jahr vor unsrer Epoche der Geburtstag Jesu gewesen zu sein. Wenn wir in unserm Kalender den 25. Dezember als Geburtstag Jesu angeführt sehen, so rührt das daher, daß auf diesen Tag zu Cäsars Zeit die Sonnenwende siel; das Geburtsfest der „unbesiegten Sonne" im Mithradienst (6ie8 natalis mvieU solis) wurde dann später zum Geburtsfest der geistigen Sonne, Christus, umgedeutet. Geht man noch weiter zurück bis Numa und Romulus, dann
*) Lrs, ist die ursprüngliche Schreibweise; das Wort stammt aus Spanien und hat vielleicht dieselbe Wurzel wie unser Jahr mit der Bedeutung Wieder —kehr; es hat mit sss lwi-is oder -wr nichts zu thun.
Grenzboten IV 1900 68