Beitrag 
Reformgedanken und Reformansätze im heutigen Italien :
(Fortsetzung)
Seite
512
Einzelbild herunterladen
 

512

nicht mit. Sich die Seele aus dem Leibe schinden, immer in Schulden stecken, und Polenta und immer Polenta, und sehen, wie die Kinder von Tag zu Tag mehr abkamen, das war nicht auszuhalten. Dann eine lange Krankheit des Mädchens. Endlich hatte ihm der Blitz eine Knh erschlagen, und nun gute Nacht. Er hatte alles verkauft und wollte nun sehen, ob er in Amerika das Leben fristen könne."Mir aber klang, schließt de Amicis, wie ein Liedchen das Wort Giordcmos durch den Sinn: »Unser Land wird glücklich sein, wenn man sich daran erinnern wird, daß auch die Landleute Menschen sind.« Ich konnte es nicht aus dem Gedanken bringen, daß an diesem Elend menschliche Bosheit und Selbstsucht einen guten Teil der Schuld tragen; so viele indolente Grundherren, für die das Landleben nur ein gedankenloses Vergnügen auf wenig Tage ist, und das jämmerliche Leben der Arbeiter eine hergebrachte Klage utopistischer Humanitütsschwindler, so viele Pächter ohne Schonung und Gewissen, so viele Wucherer ohne Herz und Rechtsgefühl, so viele Unternehmer und Geschäftsleute, die auf jede Art Geld machen wollen."

Das sind in der That Zustände wie in Frankreich vor 1789, sie haben denn auch einen tiefen Haß des Landvolks gegen die Signori der Städte er­zeugt. Amieis selbst nimmt ihn zu seinem Schmerze wahr, als er aufs Vorder­deck desGalileo" unter die 1600 Zwischendeckpassagiere kommt. Da sieht er überall finstre Blicke und hört halb unterdrückte Schmähworte, und wenn man ihm Platz macht, so haben die Worte: liu-Ao ai siMvri! einen höhnischen, herausfordernden Ton. Nur schwer überwindet er allmählich das tiefe Miß­trauen. In blutigen, zerstörenden Unruhen ist diese Stimmung während des letzten Jahrzehnts immer wieder zum Ausbruch gekommen.

(Schluß folgt)

Bücher über den klassischen Hüben

> lasfisch ist der Süden für die moderne Welt eigentlich nur noch im Sprachgebrauche. Seltsamer Widerspruch: Niemals sind Italien und Griechenland von Nordländern mehr bereist worden als heute, und niemals ist doch unser geistiges Verhältnis zu den klassischen Ländern so locker gewesen wie heute. Gegeu die Pflege der klassisch-huma- Inistischen Bildung an uusern humanistischen Gymnasien laufen die Realisten Sturm; sogar für die immer tiefer eindringende wissenschaftliche Philologie und Archäologie ist das griechisch-römische Altertum nicht mehr in dem Sinne klassisch, daß es uns Muster zur Nachahmung lieferte, oder daß seine Erzeugnisse auch nur als etwas unbedingt Giltiges und Vorbildliches angesehen würden, wie noch in der Zeit Goethes und des Neuhumanismus; sie sind für uus heutzutage so gut historische und aus ihren Daseinsbedingungen heraus zu erklärende Erscheinungen, wie die Kunst der Assyrer und die gottesdienstlichen Tänze der Südseeinsulaner. Vollends die moderne Kunst, oder besser gesagt die Kuust derModernen," will