Reformgedanken und Reformansätze im heutigen^talien
von Otto Aaemmel
— 1'u,ntioo VÄloi's
^lsZIi iwlioi ouoi' von L Mvoi' morro,
assimo d'Azeglio, der Typus zugleich des »ulitärisch-monarchischen pienwntesischen Edelmanns, des italienischen Patrioten und des feinsinnigen Künstlers, schrieb wenig Wochen vor seinem Tode (15. Januar 1866) in der Vorrede zu seinen ü.ioorä'j, einem der besten und liebenswürdigsten Bücher, die es giebt: kiltw 1'ItÄlm, mg. von si ks-uno gl'Italiani, Italien ist geworden, ober die Italiener werden nicht." Er lebte des schlichten Glaubens, daß die Vervollkommnung des Ganzen in der Vervollkominnung jedes Einzelnen, nicht in Politischen Institutionen, sondern in der Durchbildung fester, pflichtbewußter Charaktere liege, uud er glaubte davon in seiner Umgebnng nichts wahrzunehmen. Vielleicht würde er heute sein schwermütiges Wort wiederholen, das freilich nicht nur von seiuem Volke gilt, sondern auch von jeden: andern, wenn es seiue staatliche Einheit erst spät und in schweren Katastrophen errungen hat und deshalb nur langsam, mühselig in die neuen Formen und größern Aufgaben hineinwächst, statt wie andre glücklichere Völker sie allmählich als natürliches Ergebnis ans sich zu entwickeln.
Auch wir Deutschen leiden unter diesem Verhältnis, auch wir können noch immer sagen: „Das Deutsche Reich ist fertig, aber die deutsche Nation ist es nicht." Nur kmukt Italien noch heute an innern Schäden, die bei nns nicht oder nicht in demselben Maße vorhanden sind. Anch die deutsche Einheit ist wie die italienische nur möglich geworden durch kluge Benutzung der jeweiligen europäischen Lage — das wissen wir jetzt besser als vor dreißig Jahren —, aber sie beruht doch auf den glänzenden Wasfensiegen nnsrer Heere; Italien hat solche uicht aufzuweisen und verdankt die Vollendung seiner Einheit 1866 und
Grenzboten IV 1900 S6