Gthik und Politik
ogar in Kreisen, die es ernst meinen mit der Erhaltung des humanistischen Bildungsgangs für unsre führenden Gesellschaftsschichten, scheint der Materialismus das Urteil zu beherrschen, sobald die internationale Politik in Frage kommt. Man riskiert als ein zu Thaten unfähiger Schwächling, wenn nicht gar als schlechter Patriot und vaterlandsloser Geselle kurzer Haud abgethan zu werden, wenn man es wagt, das Problein: Ethik nnd internationale Politik des Nachdenkens überhaupt für wert zu halten nnd den Krieg nicht schlechthin als etwas Gutes, Gott Wohlgefälliges zn preisen, sofern nur Aussicht ist, dabei etwas für die Nation, der man angehört, zu profitieren. Dieses Verhalten steht mit der ethischen uud idealer» Lebensauffassung, die wir Freunde der humanistischen Bildung dem Volk erhalten wollen, doch in schroffem Widerspruch, worüber wir uns auch dadurch uicht hinwegtäuschen lasseu sollten, daß sich im protestantischen Deutschland, von dem ich hauptsächlich rede, seit Jahren eine äußerliche Religiosität breit macht, die sich nach englischein Muster iu gedankenloser, ganz unprotestantischer Rechtgläubigkeit gefällt und sich mit der materialistischen Moral in Politieis ganz vortrefflich verträgt. Auch mit dem deutschen Volkscharakter steht dieser Materialismus iu der Politik im Widerspruch. Das deutsche Volk „bedenkt" die Politik, uud vollends die Weltpolitik, die es zu treiben veranlaßt wird, und die von andern Völkern getrieben wird. Diese Bedcnklich- keit unsers Volks ist eine Tugend, ans die wir stolz sein müssen gegenüber der Unbedenklichkeit, durch die sich andre Völker ausgezeichnet haben, wenn wir auch deshalb scheinbar von den Skrupellosen übers Ohr gehauen worden sind. Man sollte sich hüten, den Nachwuchs der gebildeten Klassen auch in dieser Beziehung zu anglisieren und ihn für das leuchtende Vorbild der Engländer in Trnusvnal zu begeistern, wie es Einzelne schon versuchen. Das deutsche Volk wird so am wenigste» für die Weltpolitik, die wir brauchen und der Kaiser will, erwärmt werden. Und das ist doch dringend nötig. Grenzboten IV 1900 22