Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident
er Rücktritt des Fürsten Hohcnlohe von seinen Ämtern als Reichskanzler und Präsident des preußischen Staatsministeriunis ist, wenn mich längst erwartet und geweissagt, doch überraschend plötzlich gekommen. Erwogen mag der greise Staatsmann den folgenschweren Schritt, seine Entlassung zu erbitten, seit längerer Zeit gehabt haben. Neigung zur Abgabe der Geschäfte hatte er nicht, oder er hat sie wenigstens nicht gezeigt. Immer und bis zuletzt folgte er den schwebenden Fragen im Reiche uud in Preußen mit Interesse, ja er machte kein Hehl daraus, daß er sich, abweichend von manchen seiner Ministerkollege» und Mitarbeiter, mit einer gewissen Passion als den Mittelpunkt der Geschäfte ansah. Das Verbleiben im Amt wurde ihm auch mannigfach erleichtert. Zuverlässige uud ihres Geschäftsbereichs mächtige Mitarbeiter hielten unnötige Belnstignngen mit Einzelheiten geflissentlich von ihm fern. Die auswärtige Politik leitete Graf Bülow als Staatssekretär des Auswärtigen Amts und als preußischer Staatsminister, formell freilich ohne Portefeuille, so gut wie völlig selbständig, ohne es doch an der rücksichtsvollen, laufenden Information und nn der Form fehlen zu lassen, auf die der Reichskanzler traft seiner autoritativen Stelluug Anspruch hatte. Dabei hatte sich in den Fragen der auswärtigen Politik zwischen beiden eine so große, auch auf persönlichen Sympathien beruhende Übereinstimmung ergeben, daß in der ganzen Zeit ihres kollegialen Zusammenwirkens nicht ein einziges mal auch nur der Schatten einer irgend ins Gewicht fallenden Differenz aufgetaucht ist. Graf Bülow nahm dem Kauzler alle und jede geschäftliche Belastung ans diesem Gebiete und ebenso die Vertretung der auswärtigen Dinge im Reichstage ab. Man wird kaum fehl greifen mit der Annahme, daß die Notwendigkeit, dann und wann eine persönliche Erklärung im Parlament abgeben zu müssen, dein Reichskanzler als der ihm lüstigste und am wenigsten erwünschte Teil semer amtlichen Obliegenheiten erschien. Er war kein Redner. Die Gabe, die Grenzboten IV 1900