Der Kanzlerwechsel
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!ürst Chlodwig von Hohenlohe ist vom Reichskanzleramt zurückgetreten. Als er vor sechs Jahren in einem Alter, wo nur wenig Anserwählte noch die Verantwortlichkeit hoher Staats- jämter zu tragen vermögen, des Kaisers Ruf aus den verant- I wortlichsten Posten im ganzen Reiche folgte, er, den kein Ehrgeiz nach Macht und Ansehen, nach Titel und Orden leitete, und dein materielle Beweggründe ferner lagen als irgend einem, da sagte sich jedermann, der die Verhältnisse kcmute, daß er eiu schweres Opfer bringe dem jungen Kaiser und dem noch jüngern Reich, die einen Kanzler brauchten und nur ihn brauchen konnten. Es war eine unendlich schwere Entscheidung, die der Kaiser damals treffen mußte, und wie er sie traf, gereicht ihm zu hohem Ruhme, Der junge Kaiser berief den ältesten, vornehmsten Staatsmann deutschen Stammes zu seinem ersten Berater, nicht eiuen Streber ohne Grundsätze nnd Würde, der einer Willkürherrschaft mir bequemsten gewesen wäre, und wie sie zu Dntzeuden bereitwilligst zur Verfügung standen. Und der greise fürstliche Staatsmann hat dem Vertrauen seines Kaisers weit über menschliches Erwarten bis zur äußersten Anspannung seiner Kräfte entsprochen. Er scheidet von seinem Posten in eiuem Alter, wo auch ein Riese wie Fürst Bismarck schon ein Greis war, der der Nnhe bedürfte, und er scheidet erst, nachdem der Kaiser und er selbst den neuen Kanzler unter den Staatsmännern gefunden hatten, mit so reicher Lebens- und Arbeitskraft, wie sie das Amt und die Zeit immer dringender forderte. Nur wenn er sich das vor Augen hält, wird der Geschichtschreiber der Wirksamkeit des Fürsten Hohenlohe gerecht werden können. Um so lanter sei schon heute sein Verdienst von uus Deutscheu anerkannt, dieses leuchtende Beispiel deutscher Treue gegen den Kaiser und das Vaterland, und wahrhaft vornehmer und taktvoller Aufopferung den endlosen Widerwärtigkeiten gegenüber, die seine eigentümliche Stelluug im Amt mit sich brachte.
Seine Reichskanzlerzeit bedeutet für den Fürsten Hohenlohe nur eine kurze Episode in einer langen verdienstvollen Laufbahn als Staatsmann. Erinnert
(Srenzboten IV 1900 ' 20