Brauchen wir ein deutsches Kolonialheer?
ie Ereignisse in China, die uns gezwungen haben, deutsche Truppen nach Ostasien zu senden, haben die Aufmerksamkeit ans die Frage gelenkt, ob der Besitz vou Kolonien nicht auch besondre Kolonial- truppeu erfordere. Bis jetzt waren unsre Kolonien in Afrika und in Polynesien uur der Bedrohung durch eingeborne Völkerschaften ausgesetzt, die über keiue organisierten und mit modernen Waffen ausgerüsteten Truppen verfügten; in China sehen wir uns einem großen Heere gegenüber, das zum Teil mit den besten Waffen ausgerüstet und von europäischen Jnstrnktvren ausgebildet worden ist. Weder Schutztrnppen noch Mariuetruppen reichen aus, die Vertreter der europäischen Großmächte, die Missionen, den Handel in Ostasien zn schützen, nnd Deutschland wie die übrigen Großmächte sehen sich genötigt, Truppenteile des stehenden Heeres zur Wahrung ihrer Interessen dahin zu eutseudeu. Die Organisation und die Leitung unsers Heeres hat es ermöglicht, in einer von allen Seiten anerkannten und bewunderten Weise ohuc Schwierigkeit oder Reibung erst die Mobilmachung der Mariuetruppen und dann die Aufstellung eines Expeditionskorps etwa von 10000 Mann durchzuführen. Dieses Korps besteht ausnahmlvs aus Freiwilligen der aktiven Armee, die sich so zahlreich gemeldet haben, daß wohl das zehnfache nn Truppen Hütte aufgestellt werden können. Es liegt aber auf der Hnud, daß der Bestand und die Organisation der aktiven Armee durch diese Maßregel berührt werden, und daß überhaupt die Entsendung von Truppenteilen, die für das Mutterland bemessen und bestimmt sind, nur in gewissen Grenzen durchführbar ist. Man hat deshalb schon jetzt im Hinblick auf eine Verstärkung des Expeditionskorps auf freiwillige Reservetruppen zurückgegriffen und ist anch hier einer überaus großen Bereitwilligkeit begegnet.
So erfreulich diese Erscheinung auch ist, so kann und darf doch die Leitung des Staatswesens und ganz besonders die Leitung des Heeres nicht mit dem guten Willen der junge», kampflustige» Männer rechnen, sondern sie muß sich
Grenzbotcn IV 1900 1