Litteratur
359
nicht als körperlicher Mensch. Er hat nach und nach seine Stimme, sein Gewicht, seinen Atem, seinen Hcrzschlag und, soviel er weiß, anch seine Seele verloren. Geführt wurde er von einer Gestalt, die ihm ähnlich, aber nicht gleich war, und die ihn zwang, ihr in immer neue und immer unheimlichere Gegenden zu folgen, was nun im einzelnen beschrieben, durch viele Abbildungen veranschaulicht und, soweit es sich um Mathematik, Physik und dergleichen handelt, durch in den Text gezeichnete Formeln und Figuren erläutert wird. Im ganzen wird diese, wie ich schon bemerkt habe, negative Natnrschilderung dem Durchschnittsleser weniger Freude als Mühe bereiten, und dem Naturkuudigcn, der sie mühelos liest, kommt sie dann vielleicht erst recht zwecklos vor. Spaßhaft und witzig ist eigentlich nur eine erstaunliche Zoologie über Affen, Kröten, Fledermäuse, Maulwürfe usw. II, 170; aber so etwas allein lohnt doch die Kosten einer solchen Reise nicht. Ihr Zweck ist, wie der Führer dem „Ich bin der Mann" mitteilt, den Glauben an das grobmaterielle, von den Menschen auf der Erdoberfläche erworbne Wissen nnd an die materialistische irdische Philosophie zu erschüttern nnd die Vorstelluug zu erwecken, daß das Erdeuleben nur die Vorstufe zu einem herrlichen Dasein ist, wozn der Mensch, wenn er der Selbstsucht entsagt, in künftigen Zeiten leibhaftig und körperlich gelangen kann (II, 267). Einem zweiten Wesen aus dem Jenseits, das ihn noch weiter führen soll, giebt der Reisende auf die Frage, ob er einsehen gelernt habe, daß alles, was zu sein scheint, uicht ist, und das, was nicht zu sein scheint, ist — alles, alles zu: „Ich weiß nicht gewiß, ob ich hier bin, oder ob Sie dort sind; ich weiß nicht, ob ich jemals gelebt habe usw." Und nun darf er zunächst ans die Erde zurück, in einem Scheinleibe, in dem er Mr. Drury besucht, um alsdann in die endgiltige Vollkommenheit einzugehn, das Reich Etidorhpas. Ein weibliches Wesen, wie man ans der Endnng sieht, mit einem dunkeln Namen. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, was er bedeuten konnte, bis ein Frennd fand, daß er eine Umkehrung von Aphrodite sei. Da hinter dieser Attrappe nichts weiter steckt, was herausspringen könnte, so ist sie nicht geschmackvoll. Gesehen hat er Etidorhpa noch nicht, aber er spricht zu ihr wie im Gebete, uud dann verschwindet er und hinterläßt das Manuskript, das allein Mr. Drury die Gewißheit giebt, „Ich bin der Mann" sei keine Halluzinntion gewesen, sondern eine objektive Thatsache.
Das Buch ist also unvollendet, worüber Mr. Drury und „Ich bin der Mann" ihre Formulierungen austauschen. Der Leser wird von diesem Abschluß nicht gerade erbaut, aber doch mehr befriedigt sein, als wenn er nun noch zwei weitere Bände über das Reich Etidorhpas vor sich hätte. Die Übersetzung ist, wie es scheint, recht gut, das Papier, der Druck und die ganze Ausstattung vorzüglich. Hoffentlich findet sich nun anch die dem Aufwand entsprechende Zahl von Leuten, die sich den Luxus dieser Gedankengymnastik gönnen dürfen. A. p.
---»^»H^-»--
Litteratur
Über deutsche Volksetymologie von Karl Gustaf Andresen. Sechste verbesserte und vermehrte Auslage, besorgt von vi'. Hugo Andresen. Leipzig, Reisland
Wie ernsthaft die Teilnahme ist, die weitere Kreise der Gebildeten der Geschichte unsrer Muttersprache entgcgenbriugeu, dafür spricht wohl die Thatlache daß ein durchaus wissenschaftliches Werk wie F. Kluges Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache es in vierzehn Jahren auf sechs Auflagen gebracht hat. Auf eine einzelne, besonders anziehende Erscheinung im Sprachleben wurde das Interesse durch das 1876 zum erstenmal erschienene Bnch des im Jahre 1891 ver-