Auf Sizilien
von Otto Uaemmel (Fortsetzung)
s ist keine großartige, am allerwenigsten eine malerische Landschaft, diese Gegend von Syrakus; sie verläuft in langen, einförmigen, strengen Linien und wird auf drei Seiten wieder von dem noch einförmiger« Meereshorizont begrenzt. Nur der Ätna unterbricht diese Gleichförmigkeit. Wer hier nicht historische Hintergründe zn sehen vermag, der sieht nur graue, kahle, steinige, trümmer- besäte Flächen und Höhenzüge, dazwischen Gärten und Felder nnd Ölbüume, weiße Häusergruppen nnd staubige, schattenlose Straßen, in den Häfen eine Anzahl kleiner Schiffe nnd buntangemalter Boote; er wird vielleicht nur an der üppigen Vegetation der Latomien und einzelner Gärten oder an dem weiten Ausblick auf die See einiges Genüge finden und schleunigst wieder abreisen. Wer aber in die Vergangenheit sehen kann, dem beleben sich diese einförmigen Züge. Er sieht auf den jetzt öden Hochflächen der Achradina nnd der Epipolä eine große Stadt hinter festen Mauern, in den Häfen einen Wald von Masten, er sieht Kriegsflotten und Heere miteinander ringen, Volksfreiheit und Tyrcmnis miteinander kämpfen, Dichter, Künstler und Gelehrte miteinander wetteifern. Nur trägt die Vergangenheit von Syrakus einen ganz andern Charakter als die Geschichte von Palermo. Dieses hatte seine größte Bedeutung im Mittelalter als Vereinigungspunkt verschiedner Kultnrströmungen, die Größe von Syrakus liegt durchaus im griechischen Altertum.
Dabei treten drei Seiten bestimmend hervor. Zunächst geht durch die ganze politische Entwicklung von Syrakus ein starker monarchischer Zug, wie sonst bei keiner andern altgriechischen Stadtgemeinde. Die Tyrcmnis, die militärisch-demokratische Gewaltherrschaft, sonst eine vorübergehende Erscheinung, hat in Syrakus viermal und jedesmal jahrzehntelang geherrscht (485 bis 465, 405 bis 344, 317 bis 279, 269 bis 214), also von einem Zeitraum von 270 Jahren, dem bedeutendsten und reichsten in dem Leben der Stadt, fast zwei Drittel, im ganzen 174 Jahre lang. Denn hier, an den Grenzen der griechischen Welt, dicht vor dem Erbfeinde, der karthagischen Großmacht, war die Monarchie oder, wenn diese fehlte, die militärische Diktatur die natürliche Staatsform, aus der dann viermal, unter Gelon, Dionysios I., Agathokles und Hieron II., die thatsächlich erbliche, gesetzlich allerdings niemals befestigte Tyrcmnis hervorging; die gesetzliche Demokratie war eben auf die Dauer zu einer