(Line Gntlassungsrede
von Vtto Uaemmel
22. März 1900
ohne besondre Bewegung kann ich diesen Jahrgang der entlassen, den,, es ist der erste, den ich aufgenommen UL^M habe, und der nnr unter meinem Nektarate die Schute durch gemacht hat, was keinen, meiner beiden lebten Vorgänger von sagen verrinnt U'ar^ Äber U'enn ich liente die tleiue Schar betrachte, so erscheint sie mir wie eine Truppe, die von einem langen mühseligen Marsche und aus scharfen Gefechten in die Quartiere einrückt. Denn von den zweinndsechzig Sextanern, die mir zu Ostern 1891 den Handschlag leisteten, sehe ich hier nur noch sechzehn, wenig mehr als den vierten Teil; die übrigen sind unterwegs abgekommen, zurückgeblieben, abgegangen, einer ist cmch früher ans Ziel gelangt, und der Ersatz durch spätern Zuwachs unterwegs hat bei weitem nicht genügt, die Lücken zu füllen. Noch sehe ich manche von Ihnen vor mir als Knaben in kurzen Höschen, wie sie sich bei der Anmeldung halb scheu, halb neugierig im Rektorzimmer umschauten und dann mit einer mehr oder weniger gelungnen Verbeugnng empfahlen, und ich habe auch den tapfern Jungen nicht vergessen, der dann als Quintaner, aus einer tiefen Kopfwunde blutend, die er sich beim Umhertollen auf dem Spielplatze geholt hatte, am Wassertrog stand und auf meine Anweisuug: „Geh jetzt nach Hause und laß dich verbinden," sofort entgcgncte: „Aber ich darf doch morgen wieder in die Schule kommen?" Die Wunde ist längst vernarbt, auch die Höschen sind gewachsen, und als Jünglinge in würdigem Schwarz sitzen die heute vor mir, die vor neun Jahren hier an dieser Stelle als Knaben in die Schule aufgenommen wurden. Und sie sind auch innerlich gewachsen und reif geworden, selbständig ihren Lebensberuf zu wählen und sich für ihn nach ihrer Weise vorzubereiten.
Auch die Zeiten haben sich geändert. Damals standen wir noch unter dem Drucke der Entlassung Fürst Bismarcks und sahen trübe zweifelnd in eine ungewisse Zukunft, die uns weder frohe Hoffnungen noch ein großes Ideal zu bieten schien. Heute haben wir wieder ein solches Ideal und die Zuversicht, daß wir es unter der weitschauenden und energischen Führung unsers Kaisers erreichen werden, wenn anders die Nation sich ihm nicht versagt. Daß sie das nicht thut, daß sie sich dem großen Augenblicke gegenüber nicht als