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Ein Morgen in der Mädchenschule
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

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Stelle aus, halb zugedeckt mit aufgeschichteten Mauersteinen und Ziegeln; statt der hohen Georginen nnd Stockrosen lehnten Bretter und Latten an der Wand. Nur ein letzter alter Aprikvsenbaum klammerte seine mit Kalk bespritzten Zweige wie hilfesuchend an die Maner an. Mechanisch ging ich ein paar Schritte vorwärts, Spinnweben zogen sich silbern flimmernd vor mir hin und legten sich mir um Gesicht und Hände, ein Zeichen, daß seit Wochen hier kein Mensch gegangen war. Da stockte mir der Herzschlag einen Augenblick, und ich sah regungslos vor mich nieder. Halb zwischen Schutt und Mörtel lagen die alten Steingrübcr, und mein Auge las:Hier ruhet in Gott die Schwester Josepha," mehr konnte ich nicht sehen vor verdunkelnden Thränen. Ein Schauer erfaßte mich in der kühlen Stille, in der nur meine Schritte wieder­hallten. Ich warf noch einen letzten Blick zurück, dann ging ich hastig zur Pforte hinaus.

Mit einer Schultasche am Arme kam ein junges Mädchen quer über den Platz daher. Unwillkürlich fragte ich sie: Wird denn die Schule nicht mehr benutzt? Verwundert sah sie mich an und sagte: O nein, schon lange nicht mehr! Wir haben ein viel schöneres, ganz neues Schulhaus mitten in der Stadt bekommen. Das hier war doch nachgerade recht alt und schlecht! Vcrschiedne Fragen wollten sich mir noch auf die Lippen drängen, doch eine Art aufsteigender Furcht hielt sie zurück. Stumm nickte ich der Kleinen zu. dann ging ich langsam den altvertrauten Kinderschulweg nach dem Elternhause.

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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Die Herrschaft des Kapitalismus. Ist dieHerrschaft des Kapitalis­mus" wirklich eine leere Redensart? Am ersten Sonntag im August jammerten Zwei Zeitungen ein und derselben Großstadt, eine freikonservative und eine deutsch­freisinnige, ganz in demselben Tone über die heillose Verwirrung, die von ge­wissen idealistischen und phantastischen Professoren in den Köpfen angerichtet worden sei; anstatt, wie sichs gebühre, den Sozialismus als ein Truggebilde in Bausch uud Bogen zu verurteilen, hätten jene Herren diesem verderblichen Lehrgebäude sehr bedeukliche Zugeständnisse gemacht. So habe mau, heißt es in dem deutsch- freisinnigen Blatte u. a., den Klagen über die augebliche Kapitalshcrrschaft Be­rechtigung eingeräumt. Was sei denn das, Kapitnlsherrschaft? Wenn die Redensart überhaupt eiuen Sinu habe, dann könne sie doch höchstens bedeuten, daß wir Heutigen mehr Kapital besäßen als unsre Vorfahren.

Wenn so gewaltige Thatsachen wie die heutige Kapitalshcrrschaft keck geleugnet oder mit Hilfe einer Begriffsverdrehnng wegdisputirt werden, dann bleibt eben