Zur Philosophie der Umgangsformen.
och wird zur Zeit auf keiner deutschen Universität eine Vorlesung angekündigt über die Wissenschaft des gesellschaftlichen Benehmens. Daß aber dem Gegenstande eine Behandlung zu Teil werden kann, die ihn für philosophische Betrachtung der Welt und der Menschen außerordentlich fruchtbar macht, ist zur Genüge erwiesen, seit uns der zweite Band von R. von Jherings „Zweck im Recht" vorliegt. Was ist der vornehmste Zweck der Wissenschaft? Das Wesen des Menschen zu erkennen. Zwischen dem Wesen aber, das seinen Charakter ausmacht, und dem Wesen, das in der Redensart gemeint ist: „Sie hat etwas so Anziehendes in ihrem ganzen Wesen," besteht ein inniger Zusammenhang. Vielleicht, wenn wir versuchen, dem auf den Grund zu kommen, was uns äußerlich als das Wesen des Menschen entgegentritt, kann es uns auch gelingen, manches Interessante zu erfahren und nicht unwichtige Aufschlüsse zu erhalten über unser inneres Wesen, das für uns ebenso rätselhaft wie geheimnisvoll ist. Mit dieser Aussicht und Aufgabe befinden wir uns aber schon mitten in der Philosophie.
In der Philosophie des Komplimentirbuches — wendet vielleicht jemand spöttisch ein. Die Franzosen, die den alten Ausspruch des Aristoteles, daß der Mensch ein für Gesellschaft bestimmtes Wesen sei, ihrer nationalen Anlage entsprechend mit besondrer Betonung hervorzuheben pflegen, haben es längst verstanden, ihrer reichen Litterattnr über die Formen des gesellschaftlichen Umganges durch eingestreute feine Bemerkungen und Betrachtungen einen Wert zu verleihe», der das Lesen solcher Schriften auch zu einem geistigen Genusse macht. Das läßt sich freilich Albertis Komplimentirbuch und ähnlichen in Deutschland öfter augeführten Hilfsbüchelchcn dieser Gattung nicht nachsagen. Dem langweilig braven Alberti und seinen Nachtretern stand eben nicht das Ange eines La Bruyere zu Gebote, um die Sitten der Gesellschaft zu beobachten, auch nicht La Bruyercs Sprache, um sie zu schildern. Übrigens ist die Zeit der Kompli- meutirbücher auf schmutzig grauem Löschpapier auch für Deutschland vorüber, man lehrt uns heute den „guten Ton" auf Velinpapier mit Goldschnitt. Auch die Darstellung sucht meist den größern Ansprüchen gerecht zu werden, die wir an litterarische Erzeugnisse stellen, die gesellschaftsfähig sein wollen. Wenn indes ein gebildeter Leser, Mann oder Frau, ein solches Buch durchblättert, ehe er es als Geschenk weiter giebt, so wird ein Gefühl der Nichtbefriedigung und Enttäuschung selten ausbleiben. Woran liegt dies?
Eben an der Verkennung der Wahrheit, daß jede Belehrung, die Frucht tragen soll, in gewissem Betracht eine philosophische sein muß. Mit andern Grcnzbowi III. 1338. 7g