T>er Reichskanzler und die Parteien.
erständigen, nnverblendeten Beobachtern der Bismarckschen Politik, die ihre Beobachtungen im Gedächtnis bewahren, sagen wir nichts neues, wenn wir im Hinblick auf das Kartell und gewisse Gelüste von Konservativen, eine andre Parteigruvpirung zu stände zu bringen, behaupten, daß der Reichskanzler als solcher und schon als preußischer Minister niemals einer Partei angehört hat. „Der König war mein einziger Fraktionsgenosse — äußerte er 1881 —, und meine einzigen Ziele waren Verteidigung der monarchischen Gewalt gegen verfassungswidrigen Parlamentarismus und Herstellung, Kräftigung und Weiterausbildung des deutschen Reiches." Kein Mann der Partei, oder was bei uns ungefähr dasselbe bedeutet, kein Mann der Doktrin, suchte er sich die von der Verfassung vorgeschriebene Mehrheit in den Parlamenten, wo er sie im gegebenen Augenblicke zu finden hoffte. Indem er bemüht war, die großen Parteien so zu lenken, daß sie der Erreichung der soeben genannten Ziele möglichst dienten, machte er bald der einen, bald der andern Zugeständnisse, die verglichen mit den ihm am nächsten liegenden Zwecke geringe Bedeutung zu haben schienen, und die nach Erreichung dieses Zweckes umgestaltet werden konnten, sobald es die Umstände erforderten. Seine Hauptaufgabe war von 1870 an die Pflege der deutschen Einheit, die Befestigung des deutschen Reiches. Als er sich zu diesem Zwecke nach Unterstützung in der Volksvertretung umsah, fand er diese zwar auch in den Reihen der Konservativen, aber natürlich richteten sich seine Blicke mehr auf die nationalliberale Partei, die als die zahlreichere sich zur Gewinnung einer Mehrheit vor allem empfahl, und mit der er sich in seinen nationalen Zielen fast durchgehends einig wußte. Mit ihr galt es daher nach ihrer andern, der liberalen Seite hin sich möglichst zu verständigen, und indem dies geschah, kam Grcnzboten III. 1388. 43