Beitrag 
Die Kaiserfahrt nach Rußland.
Seite
241
Einzelbild herunterladen
 

Die Kaiserfahrt nach Rußland.

er Besuch, den unser Kaiser dem Hofe von St. Petersburg ab­gestattet hat, hat, wie zu erwarten war, vom ersten bis zum letzten Tage allenthalben reichlich Anlaß zu Vermutungen über seine Natur und seinen Zweck gegeben, wobei die ausländische Presse mitunter sehr seltsame Dinge zu Tage förderte. Wir haben uns derartiger Gedankenspiele enthalten und sehen auch jetzt davon ab, indem wir es für sicherer halten, zunächst uns den auf der Hand liegenden Charakter des Ereignisses zu vergegenwärtigen. Der Besuch war eine Kund­gebung freundlicher und friedliebender Gesinnung, die das neue Oberhaupt der Deutschen gegenüber einem benachbarten und zugleich verwandten Herrscher ausdrückte, dessen Verhalten zur deutschen Politik in den letzten Jahren zu­weilen Zweifeln und Bedenken unterlegen hatte.

Statt des Versuches, weiter zu spüren und zu lüften, thun wir einen Rückblick auf den Wechsel der Beziehungen Preußens und später des deutschen Reiches zu Nußland von der Zeit an, wo die heilige Allianz die drei nordischen Großmächte zum Widerstande gegen das Übergewicht Frankreichs und dessen Herrschsucht und Erobcrungstrieb vereinigte. Dieser Friedensbund zerging an verschiedenen Ursachen, vorzüglich an dem Widerstreite der Interessen Nußlands und Österreichs auf dem Gebiete der orientalischen Frage, und an dem Be­dürfnisse Deutschlands, sich einheitlich um Preußen zu gestalten, was das Aus­scheiden der Halbdeutscheu Großmacht Österreich aus dem deutschen Bunde er­forderte. Als Rest blieben lange Zeit gute Beziehungen zwischen Preußen nnd Rußland, die nur vorübergehend, während der Revolution von 1848, den Charakter einer gebieterischen Bevormundung und unbequemen Gönnerschaft Rußlands Preußen gegenüber trugen, während des Krimkrieges aber und im Grcnzbvtm NI. 1888. 31