Beitrag 
Kleiner Mitteilungen.
Seite
648
Einzelbild herunterladen
 

Kleinere Mitteilungen.

Ein Hindernis deutscher Einigkeit. Der kleine Aufsatz in Nummer 24 der Grenzboten (S. 546) mit der UeberschriftEin hübsches Zeichen deutscher Einigkeit" ist ein Wort zu seiner Zeit, und die Klage über unsre orthographischen Zustäude vollkommen berechtigt. Wenn aber der Verfasser desselben, wie es scheint, Baiern und Württemberg für die Fortdauer dieser Zustände verantwortlich machen will, insoferu beide süddeutsche Staaten auf das Gesuch des Vörseuvereins der deutschen Buchhändler um einfachen Anschluß an die preußische Rechtschreibung nicht eiugegcmgen seien, und wie zn ihrer Beschämung die Bereitwilligkeit Sachsens her­vorhebt (das sich von Anfang an ganz im preußischen Lager befunden, alfo ein Opfer nicht zu bringen hat), so verkennt er doch einigermaßen die Sachlage. Baiern ist bekanntlich mit der Regelung der deutschen Rechtschreibung vorangegangen, und Preußen war es, das ihm gegenüber in einzelnen Punkten bedauerlicherweise eine abweichende Stelluug eingenommen hat, in welcher Beziehung hier nur an die ge­schichtlich unberechtigte und der ganz überwiegenden Aussprache widersprechende Schreibung giebst, giebt erinnert sei; Württemberg, das zuletzt auf dem Plane erschien, ist in der Nachgiebigkeit gegen Preußen bis an die äußerste Grenze ge­gangen, hat aber doch nicht umhin gekonnt, teils in einzelnen Punkten, namentlich wo es sich um eine Verschiedenheit der nord- und süddeutschen Aussprache handelt, sich an Baiern anzuschließen, teils selbständig seinen Weg zu gehen, wo Preußeu entschieden nicht das Richtige getroffen zu haben schien. Unter diesen Umständen war es eine ziemlich starke Zumutung an die süddeutschen Staaten, ohne weiteres ihr Gutes gegen das uach ihrer Ueberzeugung minder Gute einzutauschen, und selbst wenn sie der Einheit dieses Opfer gebracht hätten, wäre damit noch keine Bürgschaft für die Erreichung des zu erstrebenden höchsten Zieles, der so wünschens­werten Einigung aller Deutschen, geboten gewesen, denn es läßt sich wohl mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß Oesterreich und die Schweiz, wenn sie bei Regelung der orthographischen Frage beiseite gelassen würden, gegen einzelne an­stößige preußische Bestimmungen sich niemals zustimmend verhalten würden. Eben weil es sich in dieser Sache neben wissenschaftlich zu entscheidenden Fragen auch um einen Ausgleich zwischen Nord und Süd in Beziehung auf die Aussprache handelt, hatten Baiern und Württemberg umso mehr Grund, ohne diese süddeutschen Stammesbrüder einen entscheidenden Schritt nicht zu thun. Baiern war daher vollkommen in seinem Rechte, wenn es erklärte, daß zur Erzielung der Einheit eine einfache Annahme des preußischen Regelbuches nicht der richtige, dem Gang der Sache und dem Verhältnis der Verbündeten Staaten entsprechende Weg sei. Um aus der orthographischen Misere herauszukommen, giebt es keinen andern Weg als den der Vereinbarung; nur wo jeder Teil gehört wird und seine Meinung geltend machen kann, läßt sich mit Fug erwarten, daß der Einzelne sich dem schließ­lichen Gesamtwillen unterwirft und seiue Eigentümlichkeiten, selbst wenn sie nicht ohne Berechtigung sind, einer durchschlagenden, von nun an alle Glieder des deutschen Volkes umfassenden Einheit zum Opfer bringt. Baiern hat sich zu solchen Ver­handlungen bereit erklärt, an Württembergs Beteiligung ist nicht zu zweifeln, die Sache scheint für eine Entscheidung reif. So wie die Dinge jetzt liegen, sind die