Leo der Dreizehnte und Italien.
n der letzten Ansprache an das Kollegium der Kardinäle gab der Papst dem Wunsche Ausdruck, zu einer Verständigung mit dem Königreiche Italien zu gelangen, und seitdem bildet die Aussöhnung zwischen Vatikau und Quirinal mehr denn seit langer Zeit das Thema publizistischer Erörterungen. Namentlich beschäftigte sich die liberale Presse Italiens vielfach mit der Sache, und zwar in einer Weise, nach welcher man glauben svllte, der Kurie sei an einem Ausgleiche mehr gelegen als der königlichen Negierung. Die betreffenden Blätter suchten diese Vorstellung dadurch hervorzurufen, daß sie gewisse Vorgänge, die sie aus kirchlichen Kreisen brachten, als Anzeichen einer besonders lebhaften Sehnsucht der obersten Sphären der katholischen Welt nach Frieden mit den politischen Machthabern darstellten. Eins der Beispiele, die sie anführten, war die Haltung, welche der Erzbischof und die übrige Geistlichkeit von Florenz bei den Feierlichkeiten beobachteten, mit denen die neue Fassade der dortigen Kirche Santa Maria del Fivre enthüllt wurde. Mit Recht wurde darauf von andrer Seite hervorgehoben, daß jene Haltung des flvrentinischen Kirchenfttrsten gegenüber dem italienischen Königspaare nicht mehr als die Erfüllung eines Gebotes war, welches guter Takt eingab. Der Erzbischof und sein Klerus standen bei der Gelegenheit gekrönten Häuptern gegenüber, denen sie Ehrerbietigkeit schuldig waren, und wenn sie darnach verfuhren, so war daraus kein andrer Schluß zu ziehen, als der, daß sie eben Takt besaßen. Faßte man die Sache anders auf und geschah ähnliches in andern Fällen, so bewies man gerade das Gegenteil dessen, was man glauben machen wollte, daß nämlich das Bedürfnis nach Frieden mit dem Papste bei denen, welche durch die liberale Presse mit dem italienischen Publikum sprechen, besonders lebhaft und dringend sein mußte. Grenzbowi II. 1887. 76