Tagebuchblätter eines Sonntagsphilosophen.
2. Richard Wagner und Aufregung.
n einem Sommerabend saß in einem thüringischen Badeorte ein kleiner Kreis, wie er sich an solchen Orten zusammenwürfelt, auf dem Bahnhofe vor dem Stationsgebäude, auf den Zug wartend, der uns mitnehmen sollte. Es war noch viel Zeit übrig, die es zu verplaudern galt. Das Gespräch verfiel aber bald, was ja da nicht ebeu oft geschieht, auf wichtige Dinge und wurde eifrig und ernst durch die Frage, was denn jetzt die Städter immer mehr und mehr in die Bäder treibe. Das nervöse Wesen der Zeit wurde dadurch der Brennpunkt des Gespräches mit der Frage, woher denn der Teufel eigentlich stamme, der so viele weitere Teufel zeugt, und was dem unnützen Kunden seine Gewalt gerade jetzt so steigere. Ich wies dabei auch auf die Richtung hin, in der unsre modische Dichtkunst, besonders die Romanliteratur und das Drama, die von den Dichtern heiß ersehnte durchschlagende Wirkung suchen: Aufregung statt Beruhigung und Abregung, die wir nach der aufregenden Gedankenjagd der Tagesarbeit in dem ruhelosen Umtreiben des städtischen Lebens brauchen. Man stimmte mir herzlich bei, eine Dame warf aber dabei ein: Aber auch der vielgepriesene Richard Wagner, den manche schon vergöttern, giebt doch mehr Aufregung als Beruhigung? Ich konnte nur ja dazu sagen, und niemand widersprach. Es trat eine Art befangener Stille ein, als wäre man betroffen, den bedeutenden Geist, dessen Einfluß man so wachsen sah, auch auf diesem gefährlichen Pfade zu finden, und zwar war das noch vor den eigentlichen Hauptwerken des Meisters, als welche sie seine Bekenner bezeichnen, im Jahre 1872 oder 1873. Eigen war es dabei, daß wir dann mit einem wohlthuenden Gefühl von Beruhigung aufstanden, da wir doch von Unruhe und Aufregung gesprochen hatten.
Daran ward ich erinnert, als man in den Blättern im Juli 1885 von einer Aufführung von Tristan und Isolde in Sondershausen las nach einem Bericht der Nordhäuser Zeitung. Da stand u. a.: „Welche Anstrengung mag dem Tage vorangegangen sein, ein Orchester auf solche Höhe zu bringen, daß es alle Momente der menschlichen Leidenschaft so sinnberauschend und sinnbestrickend veranschaulicht" u. s. w.; dann: „Das ganze Musikdrama hält den Zuschauer in fortwährender, mitunter fieberhafter Spannung und Aufregung. Und ob ein Zwiegesang (nicht Duett) länger als eine halbe Stunde ohne jede Abwechslung durch Chöre dahinzieht, alle Nerven sind erregt, man wird nicht müde, man ist gezwungen zu hören. Denn sowie man glaubt, die Musik be-