Paul^Louis Courier.
Eine Studie von H. B. Oppenheim.
Ju einer Zeit der Vielschreiberei, wo die Mittelmäßigkeit mit Handwerks- mäßig ausgeführten Conceptionen den Markt überfüllt, wo die geschäftliche Seite des buchhändlerischen Betriebes das ernste und gewissenhafte Schaffen überwuchert, wo die Besten und Talentvollsten immer noch dreimal mehr schreiben, als ihnen der Geist eingibt, kurz, wo die Literatur zum Gewerbe geworden ist, hat es doppelten Reiz, eine jener Persönlichkeiten näher zu betrachten, welche in der Literatur eine ganz individuelle Stellung einnehmen,, sowie Courier, der aus einem vollen reichen Leben — gleichsam nur gelegentlich, wie es Göthe vom Dichter verlangt — zur Production kam, dessen Individualität weit über seinem Ruhme steht, dessen Charaktergehalt specifisch noch schwerer wiegt, als seine sehr bedeutenden Leistungen.
Wie man in der Geschichte der Malerei von großen und von kleinen Meistern spricht, so könnte man auch in der Literatur sogenannte kleine Meister, gewissermaßen Klassiker zweiten Ranges unterscheiden, in denen sich nicht gerade der Geist einer Epoche verkörpert darstellt, welche die Menschheit nicht um einen sichtbaren Schritt weiter führen, auf denen aber der Blick des Menschenfreundes wohlgefällig ruht, deren Erscheinung Trost bietet inmitten herrschender Geschmacklosigkeit und drohenden Verfalls, und in welchen "st um so mehr Wahrheit und Originalität zu entdecken ist, je weniger sie sich in einer bestimmten Kategorie unterbringen lassen, je weniger sie sich nn't einer allgemein geltenden Richtung identificirt haben. Zu ihnen gehört Courier, der Soldat ohne Disciplin, der Publicist unter den Waffen, der Gelehrte im Bauernrock, der Weltmann ohne Falsch, der Politiker auf dem Dorfe, der leidenschaftlichste Pamphletist und zugleich der eleganteste Stilist seiner Zeit, ein Choleriker voller Heiterkeit, ein Lebemann voller Ernst, von liebenswürdigster Duldsamkeit für alle rein menschlichen Schwächen und von heiligem Zorn gegen Lüge und Knechtssinn.
Trotz seiner glänzenden Gaben hat er selbst in seiner Heimath nicht ganz die verdiente Anerkennung gefunden; sogax sein erster Herausgeber, der radicale Armand Carrel, lobt ihn nur sauersüß und scheint manchen hübschen
Grenzboten III. 1868. S1