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gethane unv reich gesegnete politische und wissenschaftliche Arbeit wurde dieses Fest gefeiert; es galt einer wirklichen That nicht patriotischen Vorsätzen, die in der nächsten Viertelstunde vergessen werden, es stand auf festem, siegreich mit den Waffen des Geistes wiedererobertem Boden, nicht in der blauen Luft kindischer Phantasien, seine Redner fragten nicht, was sie zu thun hätten, um in das politische Himmelreich zu kommen, sie gelobten sich, das errungene Befitzthum zu wahren und weiter wuchern zu lassen, zu des Staats und der Nation Ehre und Bereicherung! Zu ihrer wahren nationalen Bedeutung werden Jubeltage dieser Art erst gelangen, wenn unser Volk sich daran gewöhnt hat, seine realen Errungenschaften, nicht Ausgeburten überreizter Phantasie und gegenstandlos gewordene sentimentale Wünsche zu seiern.
Der Troveor*) Nutebeuf.
Wenn wir die provenzalische Dichtung einem Garten des Südens vergleichen , in welchem nur hie und da ein kräftiger Stamm in die Lüfte ragt, während der Boden überall von zierlichen, farbenprächtigen Blumen bedeckt ist, so gleicht die nordfranzösche Dichtung einem Hochwalde, in welchem gewaltige epische Dichtungen wie kräftige Eichen emporragen , während nur hie und da, dem schüchternen Epheu gleich, ein zartes Lied der Liebe hervorkeimt. Und diesem Walde fehlt es nicht an Unterholz. Neben den riesigen Gewächsen der Epen gedeihen kleinere, die jedoch nichts mit der zarten Blüthenpracht lyrischer Gedichte gemein haben, die vielmehr der zähen Hasel oder der harten Birke gleichen, von denen man Stöcke und Ruthen zur Erziehung der Menschheit schneidet, oder dem Jlex, der Brombeere und anderm stach- lichen Gestrüpp, das bei näherer Berührung recht empfindliche Schrammen verursacht. Mit diesem Unterholze meinen wir die kleineren Gedichte erzählenden, didactischen und satirischen Inhalts, welche man mit den Namen der Dits, Contes und Fabliaux bezeichnet. Dieselben erfreuten sich schon während des 12. Jahrhunderts und gleichzeitig mit den Volksepen und
') Sonderbarer Weise hat sich in der romantischen Sprachwissenschaft der Brauch eingebürgert, die nordfrcmzösischcn Dichter im' Gegensatz zu den trovaäors der Provenzalen „trouvöres" zu nennen. Beide Namen haben dieselbe Bedeutung, indem sie von einer lateinischen Form t.rovü,tor, der Erfinder, d. h. Dichter, herstammen. Es entspricht aber „trou- vsrs" dem lat. nonr, trovätor, (provcnz, trobaire) während „trodaäor" sich auf den lat. s>eo. trovstörsm stützt, Da nun kein vernünftiger Grund vorliegt, weshalb man bei zwei Ausdrücken, die ganz denselben Begriff darstellen, einen solchen Casusuntcrschicd machen müßte, und da im Nordfmnzösischen die Form trovoür ganz genau dem jedermann geläufigen provcnz. trobagür entspricht, so haben wir, einem durch Alterund Gewohnheit geheiligten Brauch, oder vielmehr Mißbrauch, entgegen, stets trovsür geschrieben.