Die Wochen unsicherer Erwartung.
Es war natürlich, daß nach einer Zeit gewaltiger Erfolge, in denen zunächst der künftige Segen des Neugewonnenen froh geahnt wurde, eine Zeit der Ernüchterung eintrat, in welcher die Schwierigkeiten der politischen Neubildungen im Vordergrunde stehen und von den Deutschen, je nach ihrem Standpunkt, sorgenvoll oder schadenfroh erwogen werden. Den Preußen blieb nicht erspart, bei ihrer Festsetzung in den annectirten Ländern Fehlgriffe zu thun, schnell änderten sich unter den Erfolgen die Gesichtspunkte der Negierung, und es war nicht zu verwundern, daß häufiger Wechsel der Administrativbeamtcn und der militärischen Befehlshaber diese Aenderungen in Politik und Tendenz darstellte. Dergleichen Schwankungen sind aber bei jeder großen Wandlung unvermeidlich, sie sind am allerwenigsten ein Vorwurf für die dadurch compro- mittirten Persönlichkeiten. Im Allgemeinen vermochte die preußische Verwaltung bis jetzt der Ungeduld der Freunde nicht Genüge zu thun, dem Haß der Gegner nicht gebührend zu impvniren. Nur die militärische Organisation, von König Wilhelm selbst geleitet, greift energisch durch, mit bewundernswerther Schnelligkeit wurden alle vorbereitenden Schritte gethan, und die Bildung dreier Armeecorps, eine Vermehrung der preußischen Heeresmacht um den vierten Theil, geht in aller Stille unaufhaltsam vorwärts. Aber auch auf jedem andern Gebiete wird die Einverleibung der annectirten Länder schneller erfolgen, als die Feinde Preußens hoffen, trotz der ungeheuerlichen Behauptung eines preußischen Ministers, seine Negierung könne in dem alten Preußen das sein, was er con- servativ nennt, in dem übrigen Deutschland mit revolutionärer Freiheit walten. Nicht in den annectirten Landestheilen liegen die größten Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage, obwohl auch für sie dringend wünschenswerth ist, daß ein Ministerwechscl in Berlin eine stärkere Kraft an die Spitzen der Verwaltung
Grmzboten IV. 1866. 56