Die römische Frage.
Wenn Victor Emanuel in Venedig, so oft er sich öffentlich blicken ließ, besonders häusig mit dem Zuruf begrüßt wurde: Es lebe Victor Emanuel auf dem Capitol! so sprach sich darin auf populäre Weise die allgemeine Ueberzeugung aus, daß nunmehr nach Vereinigung Venetiens mit der „italienischen Familie" vollends die letzte Frage der Nationaleinheit, die römische, ihre Lösung verlange. Es ist noch nicht so lange her, so stritten sich die Parteien darüber, Welches Problem zuerst von der Regierung in Angriff zu nehmen sei, das venetianische oder das römische. Nun hat die Gunst des Zufalls, eine Gelegenheit, die Italien nicht herbeizuführen, nur zu ergreifen hatte, jenen Streit der Priorität entschieden, und wiederum ohne die eigentliche Initiative Italiens, durch den natürlichen Gang der Ereignisse ist sofort die römische Frage auf die Tagesordnung gesetzt. Eine rasche, unwiderstehlich zwingende Logik scheint das italienische Einheitswerk zu beherrschen, sehr verschieden von dem langsameren Gang der Dinge in Deutschland. Was dort im ersten Anlauf, im Rausch der Begeisterung gelingt, muß hier unter Hemmnissen aller Art mühsam erstritten werden, unter Hemmnissen, die zumeist von denen selbst geschaffen sind, welche einst die neue Ordnung am dankbarsten segnen werden. Und dies eben ist wieder das Tröstliche, denn dort Pflegen sich, wenn der Rausch verflogen ist, nachträglich die Wehen einzustellen; die autonomistischen Elemente, die sich im Sturm gefangen gaben, leben wieder aus und rächen sich durch systematische Opposition gegen die Staatsgewalt, wo nicht durch offenen Aufruhr. Hier, wenn nur das erste Mißbehagen überwunden, dürfen wir hoffen, daß ohne ernste Reactionen die zuvor schon trotz allem verwandteren Elemente sich immer inniger zusammenschließen werden zu unauflöslicher Einheit.
Schwerlich theilen die italienischen Staatsmänner, die sich in erster Linie für die Consolidirung des Staats verantwortlich fühlen, die Ungeduld der Nation; schwerlich ist ihnen erwünscht, daß nach knapper Erledigung einer großen Staatsaetion eine andere an sie herantritt, die in noch ernsterer Weise den
Grcnzboten IV. 1866. 46