169
Shakespeare und seine Zeitgenossen.
In diesem Blatte ist bereits eine Reihe von Aufsätzen besprochen, die zuerst unter dem Titel „Shakespearestudien eines Realisten" im Morgenblatt erschienen, Aufsehen selbst in literarischen Kreisen erregten und später als selbständiges Buch herausgegeben wurden, vor welchem sich Gustav Rümelin als Verfasser genannt hat. Wenn hier nach Monaten, in denen die leidenschaftliche Theilnahme der Deutschen ausschließlich einem anderen Gebiete hoher Interessen zugewandt war, diese Arbeit eines Dilettanten noch einmal besprochen wird, so geschieht dies zunächst, um darar^ zu erinnern, daß ein ästhetisches Urtheil sehr entschieden auftreten kann, ohne irgend compctent zu sein, dann aber, um an das Buch einige Bemerkungen über die Stellung des großen Dichters in seinem Volke zu fügen, welche auch den Lesern „der Grenzboten" von Interesse sein dürften.
Man hat das Buch des Herrn Rümelin als ein patriotisches Unternehmen dargestellt, weil der Verfasser zu Gunsten der deutschen Dichter die Bewunderung des Briten wieder in festgcsteckte Schranken zurückgeführt habe. Offenbar würden wir uns mit diesem wunderlichen Patriotismus den größten Schaden zufügen; denn in Wahrheit hat unsere Bühne erst durch Einführung Shakespeares sichere künstlerische Grundlage gewonnen, auf diesem Grunde haben unsere deutschen Meister ihre Werke errichtet, in den Werken Shakespeares findet doch immer die Schauspielkunst ihre höchsten Aufgaben, die Dichter unerreichte Vorbilder.
Wir übergehen viele gewagte Behauptungen des Verfassers, wie z. B. daß Shakespeare ursprünglich eine „lyrische Begabung" gehabt, welche „das Theaterwesen" in ihm erstickte, daß der Druck seiner verachteten Stellung ihn sorglich, ja zur Melancholie, zum Pessimismus geneigt gemacht habe, daß seine Bühnenwirkungen „viel weniger auf der kunstvollen Planmäßigkeit und Zusammenstimmung des Ganzen als auf dem spannenden Reiz der einzelnen Theile" beruhen u. s. w. Um Verständniß und Kenntnisse des Verfassers zu charakterisiren, wird es genügen, hier sein Urtheil über einige Stücke anzuführen. Der Verfasser sagt S. 36: „In den englischen Historienstücken geht die Selbständigkeit der Theile bis zum Uebermaß, mit Ausnahme von Richard dem Dritten haben sie kaum eine weitere Einheit als die in den Titeln der Stücke enthaltene; es sind aneinandergereihte lebende Bilder, für sich wirksam und bedeutend, aber von losem Zusammenhang. So wird^der erste Act von Richard dem Zweiten, dessen Beziehungen zum Folgenden so wenig klar hervortreten, verständlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, welches Interesse schon an und für sich ein in -. Grenzbotcn IV. 18öK. - 22 ,