Hannoveraner und Kurhessen.
Eine Geschäftsreise führte mich über Hannover und Hildesheim nach Kassel, als eben die Besitzergreifung verkündigt wurde. Da die dem feierlichen Acte geweihten Tage aufeinanderfolgten, so traf es sich ganz unabsichtlich, daß ich in allen drei Städten zugegen war. Die Eindrücke waren sehr verschiedenartig, aber zunehmend besser und erfreulicher, wie ich von Hannover nach Hildesheim, von Hildesheim nach Kassel vorrückte.
In Hannover hatte acht Tage vorher die bekannte Doppelversammlung von Landtagsmitgliedern und städtischen Beamten oder Vertretern stattgefunden, — das erste Lebenszeichen Bennigsens und setner Freunde seit der Beendigung des Krieges, der dem Staate Hannover die Existenz gekostet halte. Ihr langes Stillschweigen hatte viel Staunen und Unmuth erweckt, im Lande sowohl als außer Landes. In Wahrheit hatte ihre Lage außerordentliche Schwierigkeiten. R. v. Bennigsen zumal, der inmitten der fanatisch Particularistischen kalcnberger Bauern auf seinem Gute lebt und der, wenn er nach der drei Stunden entfernten Residenz kommt, auch eben nicht die frischeste politische Luft athmet, hätte seine gewohnten Umgebungen schon auf eine Weile verlassen müssen, wenn er so rückhaltlos auf Preußens Seite treten wollte, wie etwa die kasseler und die Wiesbadener Führer oder wie die sächsischen Liberalen auf ihrer Landesversammlung. Er hat es Vorgezogen, seine Maßregeln so zu treffen, daß gemäßigte und wohldenkende Particularisten mit ihm zusammengehen können. Jeder Protest der liberalen Partei als solcher gegen die Adresse, welche die Herren v. Münchhausen, v. Schlepegrell i nd v. Rössing nach Berlin überbrachten, welche aber der frühere Cultusminister Lichtenberg verfaßt und der frühere Finanzminister Erxleben mitunterzeichnet hatte, unterblieb demzufolge. Die Hildesheimer mußten damit auf eigene Hand vorgehen, und in der Versammlung vom 1. October blieb ein gleichartiger Anlauf ohne Erfolg. Nicht eher Grenzboten IV. 186S. 21