Die Annexionen.
Wir sind seit zwei Monaten so sehr an das Außerordentliche gewöhnt, daß das große, ungeduldig erwartete Ereigniß der letzten Woche, die Einverleibung von Hannover, Hessen, Nassau, Frankfurt in den preußischen Staat, kaum die aufgeregten Hoffnungen befriedigte. Die Karte in der Hand sucht der Preuße alle die weiteren Geschenke, welche die nächste Zukunft ihm verheißt, und unter den wechselnden Eindrücken vermag der Verstand noch kaum die ganze Bedeutung des Gewonnenen abzuschätzen. Wer den Beruf und die Tüchtigkeit des preußischen Staates in ungünstiger Zeit mit festem Vertrauen im Herzen trug, der darf jetzt die höchste Freude empfinden, es ist alles schneller und völliger gekommen, als der ahnende Wunsch zu hoffen wagte.
Jetzt erst ist der Staat Preußen in Wahrheit ein Großstaat geworden, dem eine selbständige Politik nicht nur durch zufällige Kraft der einzelnen Regierenden möglich wird, sondern durch die realen Machtverhältnisse und durch die festfundirten Interessen, welche von ihm umschlossen werden. Es ist nicht der Zuwachs an Quadratmeilen allein; denn im Jahre 1803 war der Landumfang Preußens nicht geringer als jetzt. Aber damals war das Gewonnene ein ungesunder Erwerb, viel slavisches Land, die deutschen Territorien bunt mit Fremdem versetzt, bis tief nach dem Süden verstreut, ein Theil des Landbesitzes unter Demüthigungen aufgenöthigt durch einen übermächtigen Sieger. Was jetzt gewonnen wurde, giebt dem Staat schmerzlich entbehrte territoriale Einheit, verwandte Stämme, im Norden die Meere, auch im Süden vorläufig eine feste Grenze. In dem großen geschlossenen Landesbesitz, in welchem die Bundesgenossen sicher wie große Enclaven liegen, vermag jetzt ein starker Herzschlag neue Lebenskraft durch alle Theile zu treiben, größer wird Horizont und Urtheil jedes Einzelnen, höher die Zielpunkte der streitenden Kräfte, fester die Charaktere, großartiger auch die Mittel des Staates zur Förderung jeder idealen Grmzboten III. 18KK. 41