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Eine neue Rafaelbiographie.
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Eine neue NafaelbiograMe.

Rafacl Santi, Sein Leben und seine Werke von Alfred Freiherrn von Wolzogen.

Leipzig, Brockhaus. 1865.

Man erzählt sich von Quatremsre de Quincy, dem Verfasser von Nafaels Biographie, daß er eines Tages von einem Fremden aufgesucht worden sei, der einen seltenen Schatz entdeckt zu haben glaubte. Der Fremde war überzeugt, daß ein durch Zufall in seinen Besitz gelangtes Bild eins der langvermißten Gemälde Rafaels sei, und meinte, daß, wenn ein Mann von de Quincys Ruf geneigt wäre, diese Ansicht zu unterstützen, die Welt um ein unschätzbares Kunstwerk desgöttlichen Meisters" reicher sein würde, er aber, der Besitzer, ein Vermögen daraus machen könne. De Quincy soll geantwortet haben, es sei zwar kein Zweifel, daß er das Leben Rafaels beschrieben; dennoch halte er sich nicht für competent, wenn es auf kritische Analyse auch nur derjenigen Bilder ankäme, die bereits mit dem Namen des größten Malers geschmückt würden; und deshalb müsse er verzichten, in dieser Sache eine Ansicht auszu- sprechen.

So häufig unter den modernen Kunstgeschichtschreibcrn der Mangel an kritischer Befähigung ist, so selten wird bei ihnen der Muth der Ehrlichkeit angetroffen, wie ihn de Quincy damals zeigte. Diese Beobachtung be­stätigt uns unter anderm die Lectüre der neuesten Rafaelbiographie von Wol­zogen, einer Arbeit, die sicherlich weit weniger Anspruch auf die Aufmerksamkeit des Publikums machen kann wie Quatremere de Quincys Leistung ihrer Zeit, die aber zugleich auch weit geringeres Anrecht auf Entschuldigung ihrer Mängel und Fehler hat als jene.

Es mag schon richtig sein, daßeine gedrängte Uebersicht alles dessen, was bisher über des Meisters Leben und Schöpfungen Bedeutenderes erforscht und geurtheilt worden" wünschenswerth erscheint, und ebenso möglich,daß man bisher zu wenig Accent gelegt habe auf Rafaels culturhistorische Mission und auf die weltgeschichtlich-philosophische Bedeutung seiner Kunst". Aber was Ersteres betrifft, so weiß Herr v. Wolzogen Wahres und Falsches gar zu wenig auseinanderzuhalten und rücksichtlich des andern Punktes ist seine Arbeit nicht darnach angethan, die heutzutage angesichts derartiger Schriften immer wieder­kehrende Befürchtung Lügen zu strafen, daß ein Schriftsteller, wenn er sich gar SU hochfliegend in den idealen Gesichtspunkten ergeht, seine Fachkenntniß von den Dingen mit nebuloser Atmosphäre zu verschleiern sucht.

In Deutschland fehlt es nicht an Männern, welche die Aesthetik der Kunst Grenzbotcn Is, 18K6, 42