Die Politische Lage.
Noch ist unsicher, ob und wann der Kongreß zusammentritt, welchem die Aufgabe gestellt ist. den italienischen und deutschen Conflict auf friedlichem Wege zu lösen. Die Friedenshoffnungen, welche wieder schüchtern emportauchten, sind klein geworden, aber man ist doch geneigt, jeden Tag Aufschub für einen Gewinn zu halten, weil er die Aussichten auf gütliche Beilegung vermehre.
Zuverlässig gewinnt in der Verzögerung auch den Herrschenden alles, waS zum Frieden mahnt, größere Bedeutung: die Einbuße an Nationalvermögen, Noth der Arbeitenden, Bedrängnisse der Geschäftswelt, vor anderem die Uebelstände einer großen Rüstung und die Gefahren des Staates. Aber das Gewicht dieser Erwägungen wird bei dem streitenden Theil, welcher höhere Cultur, bessere Staatsordnung, geordnete Finanzen und ein unvergleichlich kostbareres Kriegsmaterial auf das Spiel zu setzen hat, weit größer sein, als bei dem Gegner, der dieser Friedensvorzüge sehr entbehrt; bei Preußen größer, als bei Oestreich. Und da die Sachlage bereits jetzt so verändert ist, daß der König von Preußen den Krieg nicht will, und Oestreich der kriegtreibende und angriffslustige Theil ist. so wird der Aufschub an sich keine große Friedenskraft bewähren. Er gewöhnt die Menschen an den Kriegsgedanken. Ob der Friede durch einen Congreß gesichert werden kann, auch das ist sehr zweifelhaft, die feindlichen Mächte Deutschlands stehen während des Congresses unter Waffen, und die Vermittelungsversuche des Auslandes können nach menschlichem Ermessen nur dann die entgegengesetzten Forderungen der beiden feindlichen Parteien beschränken, wenn die Gegner hinter den Vorschlägen des Auslandes eine Coalition gegen die Widerstrebenden zu fürchten haben. Eine solche Coalition aber bedroht Preußen und den Bund mit neuen Demüthigungen und Gefahren. Ein Zwang, der uns von außen aufgelegt wird, ist unter allen Umständen eine furchtbare Sache, nicht nur weil er in der Gegenwart erhobene Ansprüche beschränkt und übermächtig unser politisches Schicksal bestimmt, sondern weil er die Gefahr bereiten mag, daß im Interesse des Auslandes aufs neue befestigt wird, was in Deutschland unhaltbar geworden.
Grenzboten II. 18KS. ,41