Photographie und Kunst in ihren Wechselbeziehungen.
Jener 19. August 1839, an dem Daguerre in der öffentlichen Sitzung der pariser Akademie das Geheimniß seiner großen Erfindung offenbarte, war der Beginn einer Periode böser Ahnungen und banger Sorgen für das ganze Heer der Maler, Stecher, Zeichner und Lithographen. Welcher Sterbliche könnte mit der Sonne selbst concurriren! Wenn sie und ihre allmächtige Kraft die Herstellung der Bilder und Zeichnungen übernimmt, wie kann ferner der Künstler noch dagegen aufkommen! Man muß es zugeben: hier hatte die Sorge einen noch viel stärkeren Schein der rechtfertigenden Begründung, als ehemals jene, welche die Kupferstecher bei dem Bekanntwerden der Erfindung der Lithographie ergriff. Aber doch nur den Schein; und bald genug hat die eigentliche Kunst sich von jenem ersten Schrecken erholt, trotz des erstaunlich raschen und glänzenden Entwickelungsganges, welchen sie die gefährliche Concurrentin nehmen sah. Ja sie hat in der letzteren mehr und mehr eine unschätzbare Helferin und Dienerin zu ihren eigenen Zwecken erkennen und sich erziehen gelernt, je mehr dieselbe das Gebiet ihrer Wirksamkeit ausdehnte. Grade diese weite allseitige Ausbreitung, welche die Lichtbildnerei in verhältnißmäßig so kurzer Zeit gewann, stellte die wirklichen Grenzen, wenn auch nicht ihrer technischen, so doch ihrer geistigen Leistungsfähigkeit hinlänglich fest, um die Künstler den Schaden und den Nutzen, welchen sie von derselben zu erwarten hatten, klar übersehn und gegen einander abwägen zu lassen; und jedenfalls hat der letztere bedeutend überwogen.
Rufen wir uns in kurzem die wichtigsten Stadien dieser Entwickelung der daguerreschen Erfindung während der letzten sechsundzwanzig Jahre zurück. Auch sie ist erst aus den vorbereitenden Versuchen, Bemühungen und Arbeiten Anderer vor ihm erwachsen. Als Wedgewood und Davy 1812 ein Stück Papier in einer Silberauslösung getränkt, mit einer dunkeln Silhouette theilweise be- deckt, der Sonnenwirkung aussetzten und, indem sich die freiliegenden Stellen bräunten, die geschützten weiß blieben, so durch Sonnenlicht und Höllenstein Wrenzboten II. 186S. 21