Beitrag 
Erinnerungen an Friedrich Rückert. 2.
Seite
68
Einzelbild herunterladen
 

«8

Erinnerungen an Friedrich Riickert.

2. ,

Das einfache, aber geräumige Haus in NeuscS war schon früher während der Sommermonate selten von Gästen leer geworben und jetzt, als Nückerts dauernder Wohnsitz, übte es eine noch größere Anziehungskraft, in weite Fernen ebensosehr, wie in die nähere Umgebung, Es erfüllte sich in der That oft genug an ihm, was Waithcr von der Vogelweide in halbärgerlichcm Hnmor von der Wartburg in ihren glänzendsten Tagen singt: Eine Schaar von Gästen fährt aus, die andere ein, Nacht und Tag. Aber der Wirth selbst lies, sich dadurch nicht aus seinem ruhigen Gleise bringen. Wer kam, wußte es, oder lernte es sehr bald, daß der Dichter zwar eine unbcschränkte Gastlichkeit übte, aber auch voraussetzte, daß die Gäste gegen ihn ebenso humane Rücksicht oder, wenn man will, Nachsicht übten. Sein täglich gleicher äußerer Lebensgang war ihm ebensowohl psychische wie physische Nothwendigkeit geworden. Der Angelpunkt, um den er sich drehte, war Arbeit, und' zwar die angestrengteste, deren äußere Züge leicht zu skizziren sind, während sich die darauf verwandte innere Anspan­nung jeder Einsicht entzieht: der früheste Mvrgen fand ihn auch in diesem letzten Abschnitte seines Lebens schon an seinem 'Pulte. Selbst im Winter blieb er seiner von frühester Jugend geübten Sitte treu, lange vor Tages­anbruch schon in voller Thätigkeit zu sein. Trotz seiner Klagen über abneh­mende Sehkraft namentlich bei künstlichem Lichte, arbeitete er doch bei solchem schon von fünf Uhr, spätestens sechs Uhr an. Nur in den allerletzten Lebens­jahren gönnte er sich in den Morgenstunden etwas längere Ruhe. Der Vor­mittag war fast ohne Unterbrechung gleichfalls der Arbeit gewidmet, höchstens führten ihn einige kurzeDänge in den Hausgarten auf eine Viertel- oder Halbe­stunde von den Büchern und Papieren weg. Ein Theil des Nachmittags gehörte selbstverständlich der Erholung im Freien, denn wenn er überhaupt im Freien war. pflegte er auch, wenigstens in den späteren Jahren, die Materialien seiner Arbeit nicht mit sich zu nehmen. Früher sah man ihn wohl auch halbe, ja ganze Tage lang in günstiger Sommerzeit seinen eigentlichen Arbeitstisch in irgendeiner Laube seines neusesser Gartens aufstellen, später kam er von dieser Gewohnheit ganz zurück, wahrscheinlich weil es'ihm zu unbequem war. die zahlreiche» und oft sehr schwerfälligen Bücher, deren er gewöhnlich nach der Art seiner hauptsächlichsten wissenschaftlichen Thätigkeit bedürfte, von einem Orte zum anderen zu transportiren, denn sie durch fremde Hände transportiren zu lassen, widerstrebte ebenso sehr der Einfachheit seines Wesens, die so wenig