439
Die berliner BildlMerschule.
4.
Mit den letztgenannten Schülern Rauchs bald im Wettstreit, bald in nahem Zusammenwirken, stand und steht ein um wenige Jahre jüngerer Künstler der gleichen Bildhauergenerativn, Friedrich Hermann Schievelbein (geb. Berlin 1818). Nicht in derselben Werkstatt, sondern in der Ludwig Wichmanns hat er seine Bildung gesunden. 1842 errang er den Preis für die römische Studienreise in der akademischen Bewerbung; benutzte diesen zunächst nur für ein Jahr und wurde durch eine sich ihm darbietende Gelegenheit zu großen decorativen Arbeiten und bedeutendem Verdienst nach Petersburg geführt, wo ihn jene Thätigkeit bis über die Mitte der vierziger Jahre hinaus festhielt. Als er nach Berlin zurückgekehrt, ließen auch hier die großen Austräge für ihn nicht auf sich warten. Eine der acht Schloßbrückengruppen, ein großer Fries für den griechisch-römischen Hof des Neuen Museums. Neliefcompositivnen für jenen 1849 bei Sanssouci errichteten kleinen Triumphbogen, mit welchem man die — Siege des Prinzen von Preußen in Baden feierte; früher noch einige kolossale Apostelgestallen für eine Kirche in Helsingfors sind darunter besonders zu nennen. Schievelbeins Brückengruppe ist der Reihe nach (von den Linden auf der rechten Seite beginnend) die zweite: Pallas unterrichtet den Jüngling in der Führung der Waffen, im Speerwurf. Modeil und Marmorausführung beschäftigten ihn bis 1853.
Schievelbeins Talent verdient vorzugsweis die Bezeichnung eines „liebenswürdigen". An Ernst und Solidität der Arbeit läßt er nichts vermissen, an Gewissen hafiigkeit steht er gegen keinen der Schüler Rauchs zurück. Aber man glaubt der Mehrzahl seiner Arbeiten etwas von der gleichen Hinneigung zu der weichern Grazie anzusehn, welche denen seines Meislcro Wichmann eigenthümlich war. Nur erscheint diese bei Schievelbcin viel gesu nder, weniger in schwächliche Zierlichkeit ausartend. So ist über jene Gruppe von ihm der Hauch einer jugendlichen Anmuth gebreitet, der sie aus ihrer ganzen Umgebung heraushebt. Sie mildert und vermenschlicht die Hoheit der Gestalt und des Antlitzes der jungfräulichen Göttin und schmückt den srischen. elastischen Körper des Jünglings, dessen Speer diese lenkt, mit blühendem Liebreiz. An dieser schönen Gruppe und speciell dieser Jünglingsgestalt ist nur das wunderliche Aushilfsmittel zu bedauern, durch welches sich Schicveibein aus einer gewiß überflüssigen Verlegenheit zu ziehn gedachte, bereitet von einem hier sehr deplacirten modernen