337
Wilhelm Wachsmuth.
Deutschland hat in Wilhelm Wachsmuth einen seiner Historiker, die Uni- verfität Leipzig eines ihrer lehrenden Mitglieder verloren, welches eine lange Reihe von Jahren hindurch, in einer seltenen Ausdauer geistiger Vollkraft und regen Fleißes, eine hervorragende Bedeutung in der literarischen und akademischen Welt behauptet hat.
Nur von wenigen der Historiker, die mit Wachsmuth ungefähr gleichzeitig herangereift sind, wird man finden, daß sie von vornherein die Geschichte als den wesentlichen Gegenstand ihrer Studien ins Auge gefaßt hätten. Viel zu sehr pflegte dieselbe durch die mächtigen Fachwissenschaften des Rechts, der Theologie, der Philologie überragt zu werden, als daß nicht der Blick des angehenden Musenjüngers zunächst auf diese sich geheftet hätte; erst allmälig übte dann wohl die Geschichte, nachdem sie anfangs hauptsächlich als Dienerin von jenen eine beiläufige Beschäftigung auf sich gezogen, ihren selbständigen Reiz und nahm den ganzen Menschen in Anspruch. Wachsmuths Bildungsgang ist in seinem Beginn aus ganz andere Dinge gerichtet gewesen als worin er schließlich seine Bedeutung zu finden bestimmt war; in eigenthümlicher Weise hat sein vielseitiges Talent bald hier, bald da eine Bahn eingeschlagen; verhältnißmäßig erst spät brachte ihn ein besonders gutes Gelingen auf der einen derselben, seinem eigenen Ausdrucke gemäß, „ins rechte Fahrwasser", und dann, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, doch der Haupsache nach in glatter und glücklicher Fahrt zu schönen Zielen.
Wachsmuth selbst hat einer seiner letzten Schriften, den „Niedersächsischen Geschichten", eine kurze Schilderung seiner zurückgelegten Laufbahn vorausgeschickt. Als er geboren ward (28. December 1784), befand sich Friedrich der Zweite noch am Leben, und der große Preußenkönig war denn auch die erste historische Figur, welche die Phantasie des Knaben füllte, bis sich, aus der Lecture von Schillers dreißigjährigem Kriege, die heitermenschliche Gestalt Gustav Adolfs dazu gesellte.
Die Geburtsstadt Hildesheim bot in ihrer nominellen Abhängigkeit von einem geistlichen Fürsten bei thatsächlicher Selbständigkeit und großentheils Protestantischer Bevölkerung, mit den verschiedenen Spaltungen und Zerklüftungen, die durch das städtische Wesen hindurchgingen, und mit den mancherlei wunderlichen Formen, in denen sich längst Abgelebtes künstlich zu conserviren strebte, auf kleinem Raume ein recht lebendiges Bild derjenigen Art von deutschen
Grenzbotm I. 18K6. 43