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Das historische Volkslied der Deutschen.
Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert, gesammelt und erläutert von R. v. Lilicncron. Erster Band. Leipzig, Verlag von F. C. W.
Vogel. 1865.
Die erste Schöpfung des Menschen ist die Sprache. Mit der Energie einer Naturgewalt bricht der geheimnisvolle Quell aus dem Innern der Seele. Alles was durch die Sinne in das'Jnncre dringt, und alles was der Mensch nach diesen Eindrücken empfindet, schafft er um zu neuem geistigen Leben durch die Worte. Wie die Formen der Pflanzen und Thiere sich gesctzvvil aus dem ersten Lebenskeim entwickeln, so auch gesetzvvll die Sprache nach dem Zuge der Natur welcher in jedem Volk verschieden geartet, im letzten Grunde derselbe Lebens, trieb ist. Mit Freude. Bewunderung und gehobener Empfindung lauschen die Völker in ihrer ersten Jugend dem Klänge der Worte. Lebhaft wird gefühlt, wie kräftig die Bildungen der Rede aus der Menschenbrust quellen, weit reger als jetzt ist das sinnliche Sprachgefühl, größer der Genuß des Wohlklangs, un- vergletchlich größer die Ehrfurcht vor der Bedeutung des Wortes. Denn obgleich die Rede dem Bedarf des Tages diente, wie jetzt, so wurden doch die Worte mit jeder Seelenstimmung, die sie ausdrückten, in geheimer Verbindung gedacht, energische Rede galt für zauberträftig. heilwirteud. unglückbringend, in den gefügten Worten empfand man eine Gewalt, welche unwiderstehlich in das Leben des Andern eindringen konnte, Spruchsormcln, Gebete, Weisheitssprüche konnten getauft und verkaust werden und dadurch ihre Wirkung aus dem einen Leben in das andere übergehn, gegen gefährliche Worte suchte man sich durch abwehrenden Zauber zu schirmen.
Sobald nun in dieser Jugendzeit der Sprache sich einmal die Energie der Empfindung in dem Redenden steigert und die Worte in gehobner Stimmung über die Lippen rollen, tritt eine merkwürdige Erscheinung ein, welche man wohl Krystallisation der Rede nennen könnte. Die Rede springt dann in Satztheilen hervor, welche das Bestreben haben, in Umfang und Klang einander ähnlich zu werden. Das Hauptwort z. B. mit dem schmückenden Beiwort wird ein solcher Satztheil, das Zeitwort mit den abhängigen Wörtern der andere. Bei allen Culturvölkern fügen sich diese kleinen Satzstücke paarweise zu einander. Jede solche abgewogene Verbindung zweier Satzstücke bildet den ältesten Vers. Verschieden ist den Völkern das tönende Mittel, durch welches die Klangähnlichkeit der beiden Satzstücke bewirkt wird. Bei den Griechen ist es die gleichartige Folge langer und kurzer Sylben, bei den älterm Römern regel-