3
Plage, daß er ihre ohnehin schon geringe Selbständigkeit mit allen denkbaren büreaukratischen Mitteln noch ferner einzuschnüren suchte. Die Nichtbestätigung liberaler Magistratsmitglieder, der Versuch gewaltsamer Einführung des bekannten neuen Katechismus — der auf Pastor Baurschmidts mannhafte Weigerung hin den denkwürdigen und folgenreichen Katechismussturm hervorrief —, das geheime Agitiren durch vertrauliche Drohbriefe an Staatsdiener u.dgl., gegen das Turnwesen und andre Bestrebungen der Zeit, welche die Selbständigkeit des Bürgers zu entwickeln dienen, machten den in einzelnen Kreisen entzündeten Haß und Zorn mit der Zeit zu einer allgemeinen Erscheinung.
Vergebens bot Landdrost Bacmeister hiergegen sein seltnes Maß von Verstand und Thätigkeit auf. Es gelang ihm nicht, die städtischen Wahlen zur Ständeversammlung dauernd regierungsfreundlich ausfallen zu machen; Emden z. B., das unter Graf Borries servil gewählt hatte, läßt sich jetzt durch seinen wackeren Bürgermeister Hantelmann vertreten, und den Sitz einer anderen ostfriesischen Stadt hat der ausgeschiedene Minister Windthorst inne, der sich schwerlich unter das kleine bacmeistersche Gefolge in der zweiten Kammer einreihen lassen wird. Es half dem Landdrosten auch nichts, daß er den verstorbenen Landrath Vissering, einen durch Ehrgeiz und Eitelkeit mehr als billig getriebenen Mann, bestimmte, ihm den Vorsitz im landwirthschaftlichen Provinzialverein zu überlassen: die ländlichen Wahlen sielen stets ebenmäßig liberal und oppositionell aus. Ob er auch dem weder sehr zahlreichen noch sonst bedeutenden Adel Ostfrieslands lästig geworden ist, bleibe dahingestellt. Gewiß scheint, daß der Graf Knvphauscn zu Lütetsvurg bei Norden den letzten Ausenthalt des Königs auf Norderney benutzte, um demselben vorzustellen, der Landdrost sei zu unbeliebt, als daß auf eine schwungvolle Jubelfeier zu rechnen sei, so lange er im Amte bleibe, und daß daraufhin die Erhöhung des brauchbaren, aber nicht an den rechten Platz gestellten Dieners erfolgte. Weislich wurde auch mit der Ernennung des Nachfolgers so lange gewartet, daß die Ostfriesen keine Zeit behielten, sich noch vor dem Feste über den Werth der Ernennung zu verständigen. Sie traf den vormaligen hannovcrschen Bundescommissär für Holstein, Geheimen Nath Nieder. Minister Bacmeister aber mußte den König auf der Hulbigungs- fahrt begleiten, um den Ostfriesen gleichzeitig zwei Dinge vor Augen zu führen: erstens, daß der König ihnen den Willen gethan, und dann, daß er damit ihr Urtheil über den Mann nicht im mindesten unterschrieben haben wolle, denn er halte ihn für noch weit wichtigeren Geschäften gewachsen als der Verwaltung einer bloßen Provinz.
Trotz der gemachten Zugeständnisse aber fehlte viel, daß Ostfriesland sich auf die Jubelfeier freudig gerüstet hätte. Vielmehr hat der Provinziallandtag, der am 1. December der Vorbereitungen halber zusammenkam, die Einladungen
1*