Die Protokolle der frankfurter Fürsteneonserenz.
Das Staatsarchiv. Sammlung der ofsiciellcn Actenstücke zur Geschichte der Gegenwart. Herausgegeben von L. C. Aegidi und A. Klauhold. 1865. Januar- und Fcbruarheft. Hamburg, O. Meißner.
Wie wenig doch in diesen Zeiten die Gabe der Weissagung noch angetroffen wird! Versetzen wir uns in die Tage zurück, wo auf das ?ig,t des Kaisers Franz zJoseph die glänzende Sternengruppe sich bildete, die man den deutschen Fürstentag nannte — wer hätte von ihr nicht wenigstens etwas mehr als bloßen Glanz erwartet, und wer hätte sich vermessen, ihr das Schicksal zu prophezeien, welches sie gehabt hat? Die Geschichte Deutschlands nicht blos, so schien es Vielen, sondern die Weltgeschichte war im Begriff, in ihrem Buch ein neues Blatt zu beschreiben und mit goldnen Buchstaben. Und was hat jene wirklich geschrieben? Eine bloße Randbemerkung, eine Zeile neben den Text und mit so blasser Tinte, als hätte sie die Feder in den Strom der Lethe getaucht: Plötzliches prächtiges Aufleuchten — Schein ohne Wärme — erfolglos auseinandcrgegangen und erloschen — heute vergessen.
Oder wäre es anders gewesen? In der That, die ersten Tage des August 1863 kündigten den Deutschen ein großes, Jahrzehnte lang nicht gesehenes Schauspiel an, über welches die Partei, in deren Interesse es aufgeführt werden sollte, schon vor Aufgehen des Vorhangs in stürmischen Beifallsjubel ausbrach, und dem selbst ein beträchtlicher Theil der Gegenpartei unter dem Eindruck einer raschen und entschlossenen Initiative günstige Erwartungen entgegentrug. Die Politik der Absindung, die einige Monate zuvor mit dem Delegirtenproject, dem „Keim eines Keimes" zu besseren Zuständen, wie ein großdeutsches Blatt naiv und bescheiden sich ausdrückte, kläglich gescheitert war, schien einer Politik wirklicher Reform gewichen zu sein. Ein Kaiser aus dem Hause Habsburg, der gestern noch aller Welt als der Typus der bigottesten Militär- und Priesterherrschaft gegolten, heute zu liberalen Negierungsgrundsätzen bekehrt, die Klagen des Volks anerkennend, den Ideen der Zeit in rückhaltsloser Sprache huldigend, mit ihnen sich zum Führer der Nation anbietend — die Souveräne Deutschlands im Begriffe, aus ihrer Unnahbarkeit herabzusteigen und in Parlament«-
Grenzboten III. 1865. 31