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Walther von der Vogelweide als mittelalterlicher und moderner Dichter.
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Walther von der Vogellveide als mittelalterlicher und

moderner Dichter.

Unsere mittelalterliche Literatur ist durch die junge Wissenschaft der deutschen Philologie dem Untergange entrissen und durch Uebersetzungen und Bearbeitungen aller Art Gemeingut der Bildung unserer Zeit geworden. Zweierlei Ansichten über ihr Verhältniß zu dieser stehen sich bei den eigentlich Sachverständigen und im Publicum selbst noch unvermittelt gegenüber. Die eine will sie nur als cultur­geschichtliches Material gelten lassen und setzt sie somit auf dieselbe Stufe, auf der alle anderen geschriebenen Quellen der geschichtlichen Erkenntniß rangiren. Denn wenn man auch zugesteht, daß grade die Art von geschichtlichen Zeugnissen, wie sie eine Nationalliteratur gewährt, vor andern, namentlich vor den eigent­lichen Urkunden eine unmittelbarere, tiefere und lebensvollere Einsicht in das innerste Wesen der Vergangenheit bietet, so ist damit doch nur ein Vorzug des Grades und nicht der Art bedingt. Unsere moderne Literarhistorie, vor allem ihr Chorführer Gervinus bekennt sich überwiegend zu dieser Auffassung, und von hier aus hat sie nach allen Seiten hin direct und indircct Propaganda gemacht. Das poetische Verdienst und der geistige Gehalt unserer älteren Literatur wird damit zwar nicht gradezu negirt, aber tritt doch als etwas Secundäres zurück. 'Bemerkenswert!) ist, daß die Hauptvertreter dieser Ansicht sehr bereitwillig der antiken Literatur eine völlig andere Stellung zu dem modernen Geiste zuzugestchn Pflegen. Sie gilt ihnen nicht blos als wichtiges Material der Altcrthumskundc, sondern auch wenigstens in ihren Haupterzeug­nissen als eine noch immer giltige Offenbarung der höchsten geistigen Potenz der Menschheit, sowohl was ihre Kunstform als was ihren Gedankeninhalt anbetrifft. Es ist im Wesentlichen noch derselbe Standpunkt, den schon die erste Periode des modernen Humanismus eingenommen hatte. Im sechzehnten Jahrhundert hat man die Dichter des zwölften und dreizehnten entweder gar nicht als lesenswerth gelten lassen, so wenig, wie andere Producte der finstern Mönchszeit in Philosophie, Theologie und den übrigen Wissenschaften, oder man hat sie nur alsZeugnisse" großer geistiger Bewegungen, die sich noch in die Gegenwart fortsetzten, gebraucht. So mußte die Evangelienharmonie des Otfried aus dem neunten Jahrhundert den lutherischen Theologen dazu dienen, die reinere Lehre der ältern Kirche im Gegensatz zu dem angeblich erst später eingerissenen Verderbniß des Papstthums zu beweisen. Nur deshalb nahm sich der bekannte Flacius Jllyricus der Herausgabe des Buches an: es war ein tsstis veritAtis mehr in seinem großen Katalog der resormatorischen Stimmen