Contribution 
Die Majorität des preußischen Abgeordnetenhauses.
Page
9
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

s

Mitglieder kann dieser Naturzustand politischer Nacktheit und Naivetät niemals ganz verschwinden, am wenigsten in unsern deutschen Verhältnissen, die es so mit sich bringen, daß man heute Rechtsanwalt, Schullehrer oder Arzt ist und morgen einer der Gesetzgeber der Nation. Darum gerade bedürfen vor- wärtsstrebende Parteien des Führers, der ihren nothwendig befangenen und begrenzten Blick auf den großen Zusammenhang der Dinge richtet. Die technischen Arbeiten der Commissionen zu erledigen mag jedesmal den sachverständigen und geübten Mitgliedern überlassen bleiben. Der politische Führer aber muß jeder solchen Thätigkeit den Werth anweisen, welchen sie für den parlamentarischen Feldzug im Großen und Ganzen besitzt; er muß verknüpfen, was sich sachlich sondert, sobald die Verknüpfung, die gemeinschaftliche politische Behandlung zweier oder mehrer Dinge einen praktischen Erfolg verspricht. Eine Partei, die nicht im höhern Sinn des Worts Führer hat, kommt aller­dings nicht so leicht in die Lage, einen Kompromiß einzugehen, weil es ihr an dazu geschickten und dasür Credit besitzenden Händen fehlt, und es ist wohl keine Frage, daß diese Conscquenz der Führer!osigkeit der Fortschrittspartei von ihren Ultras mit Behagen hingenommen wird, weil ein Ultra eben jeden Kompromiß verabscheut. Indessen eine führerlose Partei ist nicht blos zu Ver­gleichen mit dem Gegner, sondern überhaupt zu jeder rechtzeitigen Bewegung unfähig. Sie vermag ebensowenig siegreichen Krieg zu führen wie zweck­mäßigen Frieden zu schließen, es sei denn für die kurze Zeit, wo Stillstehen und Schießen den Feind hinlänglich in Alhem erhält. Die Fortschrittspartei hat eben jetzt Anlaß, die Richtigkeit dieser Betrachtung praktisch zu erproben: ihre mangelhafte Organisation hat sie bisher verhindert, ihre Stellung zur Militär­frage den Veränderungen in der thatsächlichen Lage und in der öffentlichen Stimmung entsprechend aufs neue M sixiren, und plötzlich angeordnete Neu­wahlen könnten sie daher in arge Verlegenheit setzen. Es ist hohe Zeit, dieses Versäumniß selbst unter den Erschwerungen der Periode zwischen zwei Landtags­sessionen nachzuholen. Es ist Zeit, daß der kämpfende preußische Liberalismus wieder Führer bekomme und eine ununterbrochen wirksame vielseitige Or­ganisation.

- '' ,,

Grenzboten III. 186S.

2