Ein Beitrag zur Kenntniß der Bildung des sächsischen Bauernstandes in Nordwestdentschland.
Vor einiger Zeit brachten die Grenzbotcu eine Reihe von Skizzen über vldenburgische Zustände, in denen viele interessante Mittheilungen über die Bildung des oldenburger Bauernstandes gemacht wurden, welche durch eine Reihe von Artikeln in der Weserzeitung über die oldenburger Volksmedicin eine willkommene Ergänzung fanden. Das durchgängige Interesse, welches solche Skizzen erregen, hat einen tieferen Grund, als den des flüchtigen psychologischen Amüsements an den Seltsamkeiten einer naiven Weltanschauung und wird bei sehr vielen aus der dunkeln oder klaren Ueberzeugung hervorgehen, daß eine richtige Beurtheilung unsrer politischen und socialen Zustände nur durch eine vorurteilsfreie Beobachtung der geistigen und ökonomischen Enwicklungen der einzelnen Stämme und Volksclassen möglich ist, durch das Aufspüren der im Volksleben noch wirksamen historischen Kräfte.
Der Gegenstand unsrer Untersuchungen ist die Bildung des Bauern in Nordwestdcutschland, insoweit er zum rein sächsischen Stamme gehört, inwieweit sie aus der Geschichte Nachweis- und vergleichbar ist und in der Gegenwart historischen Zielen zustrebt; das geographische Gebiet ist also die sogenannte sächsische Tiefebene, welche westlich durch den Rhein und dessen nördlichsten Arm, die Assel, — jedoch ist die ganze holländische Provinz Ober- Yssel fränkisch — südlich durch den teutoburger Wald und den Harz, östlich durcb die Elbe, nördlich durch die Gebiete des friesischen und dänischen Stammes begrenzt wird; das statistische Gebiet, — wenn man uns diesen Ausdruck erlauben will — umsaßt denjenigen Theil des sächsischen Bauernstandes, in dessen Bildung jene historischen Kräfte und Ziele, die wir oben als den Inhalt unsrer Beobachtungen und Darstellungen bezeichneten, noch wirksam und erreichbar sind, d. h. um es mit kurzen Worten im voraus zu bezeichnen, den historisch, ökonomisch und deshalb auf die Dauer auch politisch dominirenden, den altgermanischen Bestandtheil der sächsischen Landbevölkerung.
Grenzboteil. III. 186i. 36