Beitrag 
Englische Novellisten : Harrison Ainsworth.
Seite
107
Einzelbild herunterladen
 

107

Englische Novellisten.')

Harrison Ainsworth.

Die Poesie hatte seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die gefährliche Neigung, sich mit einseitigem Spiritualismus iu die Tiefen des Herzens zu ver­senken, die Geheimnisse der Seele zu belauschen uud darüber die Aufmerksamkeit ans das wirkliche, äußerliche Lebeu uud auf die sinnliche Natnr vollständig zu ver­lieren. Diese sorcirte Richtung hat auf der einen Seite zu jener stofslosen Em­pfindsamkeit geführt, die ungefähr wie bei den Pietisten und Herrnhntern des vorigen Jahrhunderts durch übergroßes Raffinement die Gesundheit uud Wahrheit der Empfindung untergrub, aus der auderu Seile hat sie eine Reaction hervor­gerufen, die sich in das entgegengesetzte Extrem des seelenlosen Materialismus verlor. Wenn man aus der einen Seite Nichts weiter erhielt, als Seufzer, Ahnen und Sehnen, zerrissene Herzen und überspannte Kopfe, oder, was in dieselbe Kategorie gehört, Originale, deren Empfinden sich so ganz auf die eigene Indivi­dualität couceutrirte, daß trotz aller detaillirteu Schilderung Niemand ein Verständniß dafür haben konnte, so ist aus der auderu Seite die Seele in der fieberhaften Bewegung der Natur nutergegaugen, in dem Menschen zittert nnr der sinnliche Nerv, und der Anatom tritt an die Stelle des Psychologen. Der bei Weitem größere Theil der neuern Nomantik findet seine Erklärung in dieser materialistischen Tendenz. Es ist beiläufig in den andern Künsteu der nämliche Fall. Der Sen­timentalität in der Malerei, wie sie z. B. in der Düsseldorfer Schule herrschend war, ist jene Virtuosität der Laudschaftsmalerei gegenübergetreten, die über dem sinnlichen Detail das geistige Momeut der Kunst allmählich ganz aus den Angen verliert, und in der Musik ist die hiusterbeude Sehnsucht des Gesauges durch die Masseuwirkuug der modernen Instrumentation abgelöst worden. In der Poesie bietet natürlich der Roman die beste Gelegenheit, dieses Virtnoseuthum des Ma­terialismus auszuüben. Es ist aber auch im Drama und selbst iu der Lyrik ver­sucht worden. Weun wir die Charakterbildung bei Victor Hugo und seiner Schule näher ins Auge fassen, so ist die erste Grundlage derselben immer das Costnm und die körperliche Beschaffenheit, uud je detaillirtcr diese Eigenthümlichkeiten aus­geführt werden, desto weniger Raum bleibt für den eigentlichen Kern des Men­schen, für die Jutegrität seiner Seele übrig; sobald aber dieses belebende Element fehlt, verlieren sich die Charaktere ins Monströse und Fratzenhafte, ja man kann sagen, daß selbst die äußerliche Physiognomie durch übertriebene Farbenmischung ihren Sinn verliert. Man vergleiche z. B. irgend ein Portrait bei Balzac oder

Vergl, DickmS -1861. I.». P. -I6-I--172. ?. -12-1.130. Covper II. »> i>. i-l5,8.

W. Scott I. d. p.-iz, Bulwcr -14*