289
Russische Recrutirnttg in Polen.
Es gibt Staaten, wo das Heerwesen ein Beweis der politischen Reife und Würde des Volts ist, und ein Mittel zur Steigerung dieser schonen Prädicate; in anderen Staaten dagegen beweist die Beschaffenheit des Militärs die politische Würdelosigkeit des Volkes, ja es bezweckt und vermehrt dieselbe.
Vor einigen Jahren befand ich mich um die Osternzeit in einein Dorfe auf dem linken Weichselnfer im Königreich Polen. Der Herr dieses Dorfes und noch mehrerer, welche in der Nähe lagen, ließ sich Graf uennen, wozu er jedoch kein unbestreitbares Recht hatte, er war Polizcicommtssarins eines kleinen Districtes, welcher dreizehn Dörfer und Dörfchen mit etwa 2000 Seelen enthielt. Diese Wo^t.,- ^minstvvn, wörtlich Gcmeindcfnhrerschaft, gab ihm eine nicht unwichtige amtliche Stellung, obwohl er durchaus keine geschäftliche Bildnng hatte. Am Nachmittag eines Sonnabends kam ein Unteroffizier der Gcnsdarmerie ans der ungefähr drei Meilen entfernten Kreisstadt zum Grasen und überreichte ihm ein doppelt conver- tirtes und zwei Mal mit drei amtlichen Siegeln verschlossenes Schreiben. Schon die Erscheinung des Gensdarmen hatte dem Grafen, einem echten Polen, Verdruß verursacht. Der Anblick der Depesche, deren Inhalt er gleich an ihrem Aeußern erkannte, that dies noch mehr. Er schüttelte sich, schuob, stürmte im Zimmer auf und nieder, kratzte sich in den Haaren nnd zog dabei eine Miene, als ob er ein Donnerwetter von ungewöhnlicher Stärke über ganz Rußland wünsche: „Wollte wich der liebe Himmel doch nur stets vor dieser Geschichte behüten," rief er, indem er das Schreiben durch die geöffnete Thür in das anstoßende kleine Zimmer warf.
Ich frug den widerwilligen Beamten, was die Depesche bedeute. „Uebermorgen Conscription — aber ich ersuche Sie, keine Sylbe laut werden zu lassen " — „lind warum dies Geheimniß bei einer Sache, die doch nach einem Tage vffenknndig werden muß?" — „Weil sie Vorschrift ist und ich verantwortlich bin," war sein Bescheid.
„Die Behörde weiß," fuhr er vorsichtig fort, „daß das Volk sich auf eine gräuliche Weise vor dem russischen Militärdienst fürchtet, nnd sich ihm ans jede Mögliche Weise zu entziehen sucht. Selbst die Couscription, welcher man dadurch ein ungefährliches Ansehen zn geben glaubt, daß man ans sie die Recrutiruug uicht unmittelbar folgen läßt, ist ein so gesürchtetes Ding, daß zuverlässig ein großer Theil der stelluugspflichtigen Mannschaft flüchten würde, wenn sie vorher über den Eintritt derselben in Kenntniß gesetzt wäre. Deshalb erhalte ich als
Grcnzbvtc». IV. 1849. 37