Beitrag 
Reisetagebuch aus dem östreichischen Oberland.
Seite
262
Einzelbild herunterladen
 

262

Reifetagebuch aus dem östreichischen Oberland.

. 2. Krummstab und Lineal.

(Schluß,)

Ein heftiger Gewitterregen trieb uns in die Kajüte des Dampfl'ootes hinab. Zufällig war es Essenszeit und der lange Tisch gedeckt. Wen sah ich am obern Ende der Tafel thronen? Meinen Geistlichen, den Stammgast, aus dem schme­ckenden Wurm in Wien. Er mit Andacht, hielt die Angcn sittsam auf den Teller geheftet und verlor keine Silbe. Links von ihm saß ein Madvnnengesicht- chen in Hut und Schleier; er erwies ihr nicht die gewöhnlichste Aufmerksamkeit. Ein hübsches Ding! rief mein Nachbar leise; das Essen mnndct noch einmal so gut, wenn sv'n Blnmeutöpfcheu neben der Suppenschüssel sitzt, was meinen Sie? Ich erzählte im Verlauf des Gesprächs meine Begegnung mit dem geist­lichen Herrn. Gehört wohl zur Propaganda, meinte er lachend. Nnn, im Oberland hat's gnte Forellen und einfältige Seelen genug; die frommen Herrn machen dort bessere Geschäfte als in der gottlosen Kaiserstadt. Mein Nachbar war ein sehr magerer, blasser junger Mann ans Wien, oberhalb Linz zn Hause, wohin er jetzt seine Mntter, eine Bauerssran, auf eiuige Tage besuchen ging- Trotz der goldenen tthrkette uud des stahlgrünen Svnntagsfracks mit Mctallknöpfc», und trotz der großen steifen HalSkragcn sah er keinem Dandy gleich, zeigte aber gesegneten Appetit »nd ein dankbares, fast kindliches Eutzücken über jede Kleinig­keit, die ihm nen war. Er bewunderte die bescheidene Einrichtung des Schiffes; wie ich s'erste Mal nach Wien hinunter ging, gab es noch keinen Dampf auf der Donan, sagte er. Drei Glas Gnmpoldskirchner versetzten ihn in den sie­benten oder sechsten Himmel. Als wir endlich wieder die Treppe hinanfeilten, flüsterte er mir zu: Ich hab' einen ganz besondern Zahn auf die Schwarzröck', wenn mir nur der schmeckende Wnrm in die Quer käme!

Der Regen war vorbei, über uud hinter uns lachte blitzblauer Himmel, vor uns hoch über die Höhen stieg eine dnnkelgrauc Wolkenwand, auf welche die Sonne zwei übereinandergcwölbte breite Zwillingsrcgenbogen gemalt hatte. E>" Zwillingöregenbogen gilt für ein böses Wcttcrzcichen; dies hinderte uns nicht, ihn schön zu finden, uud Alles drängte sich auf's Verdeck, um das reizende Schauspiel zu bewundern. Auch der Geistliche kam und hinter ihm in achtungsvoller Entfer­nung das Madounengcsicht, mit einem gvldgeränderten Buch unter dem Arm; setzte sich auf die Bvrdbauk uud vertiefte sich iu die Lectüre. Er dagegen gM eiuige Male laugsam auf und nieder, blieb dann stehen, entblößte sein Haupt und regte stumm die Lippen, als spräche er ein Gebet für sich in der Stille. DaS