Beitrag 
Moderne Charaktermasken.
Seite
241
Einzelbild herunterladen
 

Moderne Charaktermasken.

Bei dem Studium der Kunstgeschichte liegt für mich der größte Reiz nicht in der letzten Vollendung, sondern in der Energie, mit welcher die Kunst den irratio­nellen Inhalt, den ihr das Leben bietet, zu ihren Zwecken verarbeitet, in den ethi­schen Problemen, die sie zu überwinde» strebt. Die sittlichen Ideale, den ei­gentlichen Gehalt einer großen Zeit zu erforschen, ist das Studium der Poesie, vornehmlich der dramatischen, weun nicht der sicherste, doch der anmuthigste Weg.

Das sittliche Problem vcrsinnlicht die Poesie entweder in einer That, - wo es als werdend erscheint, oder in einem Zustand — wo eS in dem fertigen Re­sultat gebunden ist. Im Ganzen nnd Großen genommen, ist dies der wesent­liche Unterschied zwischen Tragödie und Komödie.

Ich meine das so. Die Tragödie stellt die Leidenschaft zugleich als das Recht, als die Schuld uud als das Schicksal des Helden dar. Nur wo diese drei schein­bar widersprechenden Bestimmungen sich identificiren, ist von einer dramatischen Kuust im höheren Styl die Rede. Es ist daher ebenso verfehlt, den tragischen Helden an dem Gewebe äußerlicher Zufälligkeiten untergehen zu lassen — an dem, was man „Verhältnisse," Sitte, Convenicnz u. f. w, nennt, als an der inneren Zufälligkeit, der Bestimmtheit dnrch Vornrtheile, Wünsche, Meinungen u. f. w., die lediglich iu der Zeit liegen. Der tragische Eindruck ist nur iu dem Falle rein, wenn wir ebenso die innere Nothwendigkeit der Leidenschaft, als die innere Noth­wendigkeit des Schicksals fühle» und erkennen, wenn wir die Hand des Gottes verehren müssen, indem sein Schlag nns erschüttert; und wenn die Leiden­schaft, indem wir sie verdammen, sich dennoch iu nns selbst reproducirt. Eine Sei­lschaft, die aus der Willkür, ein Schicksal, das ans dem Zufall entspringt, kann uns nur so lange tragisch erschüttern, als wir selbst über den sittlichen Horizont, der den Poeten befangen hielt, nicht hinaus sehen. Als der Vergänglichkeit ent- ö°gen, empfindeil wir nur diejenige tragische Kuust, die das ewig Menschliche darstellt.

Ein Beispiel. Die Tragödie des Faust erschüttert nns nur so lange, als wir seine Leidenschaft für berechtigt halten. Sobald wir seine Wünsche — Alles zn wissen, Alles genieße«, trotz der Endlichkeit der Persou — iu ihrer Widersinnigkeit begreifen, Hrenzvoten. iv. 1849. 31