Sachsen und die deutsche Frage.
Offenes Sendschreiben an den ^-Korrespondenten der Leipziger
Zeitung.
Die öffentliche Meinung steht in Ihnen ein Organ des sächsischen Ministeriums, und legt demnach Ihren Ansichten eine Wichtigkeit bei, die sie als blos literarische Versuche eines Privatmanns nicht haben würden. Sollte die öffentliche Meinung wirklich ein Recht sein, so stände es schlimm um Sachsen.
Sie wenden Sich in einem Ihrer Aufsätze an die „conservative" Partei, und wachen ihr den Vorwurf, sie gäbe durch ihre Uneinigkeit bei den Wahlen den Demokraten neuen Spielraum. Ich berühre hier nur den Theil des Vorwnrfs, der sich auf die Centren erstreckt, denn Ihre Meinnngsdifferenz mit den Absolutesten, die uach Ihrer eigenen Erklärung deshalb vor der Wahl gemäßigter Männer warnen, um die Negierung zu einer rettenden That zu nöthigen, diese mögen Sie eu fiimlllv ausmachen.
Wenn Sie unsere Partei aber deshalb tadeln, daß sie „ehrenwerthe" Männer zurückweist, weil sie ..Großdeutsche" sind, so ist das ein seltsamer Vorwurf. Die Kammer ist doch nicht eine Sinecur für „ehrenwerthe" Männer, sondern eine Versammlung von Repräsentanten, die in den wesentlichen Fragen des Staatslebens die Ansicht ihrer Committenten darstellen, nnd es wäre höchst zweckwidrig, wenn wir unser Mandat an Männer übertragen sollten, die in diesen wesentlichen Fragen sich mit uns in diametralem Gegensatz befinden, mögen sie sonst so ehrenwerth sein, wie sie wollen.
Denn täuschen Sie sich darüber nicht! Was Sie conservative Partei nennen, existirt nicht mehr! In den Zeiten der allgemeinen Gefahr, als dnrch eine wüste Demagogie nicht nur der Staat, sondern die Gesellschaft bedroht wurde, als die Regierung zu schwach oder zu unentschlossen war, diesem Unwesen zu steuern, damals verband sich alles, was irgend noch ein positives Interesse an der Ausrechthaltung der Ordnung hatte, Liberale, Absolntisten, Lichtfreunde, Jesuiten u. s. w., um nur für den Augenblick die Anarchie zu unterdrücken. Diese Verbindung ent- Grenzboten. iv. 184S. 11