278
Die Physiognomie von Breslan.
Der Streich ist gefallen, der seit einem Jahr unserem Haupt drohte, auch wir haben einen Barrikadentag gehabt und der Belagerungszustand hängt mit seinen häßlichen Fledermausflügeln über den spitzen Giebeln unserer alten Stadt. Das Detail des hiesigen Aufruhrs ist aus den Zeitungen bekannt, es ist so traurig als möglich und gleicht ähnlichen Momenten in anderen Städten so sehr, daß wenig darüber zu sagen ist; doch hatte Breslan vor anderen Städten vielleicht größere Rohheit des Pöbels, größere Bornirtheit und Feigheit der AufHetzer uud im Verhältniß zu der Masse blntiger Phrasen und Vorsätze auch weniger Leichen zu beklagen, als andere Städte, obwohl die Anzahl der Letzteren leider groß genug ist. Wer Breslau früher gekannt hat, die alte respektable Stadt mit den hohen Thürmen, dem prächtigen Marktplatz, den lebenslustigen Leuten und dem frischen Verkehr in den eugen Straßen, der konnte sie seit vorigem Frühjahr traurig verwandelt finden, sie sah aus, wie eine freundliche dicke Dame, die in ihren Vennögensverhältnissen sehr heruntergekommen ist, ihr Gesicht wird sauertöpfisch, ihr Nock fadenscheinig und bettelhast. Es war jammervoll, wie die Stadt aussah; das Gedränge aus den Straßen hatte noch zugenommen, aber es warm meist schmutzige, verwilderte Gesichter, unreinliche und wüste Bärte, eingefallene Augen und faltige Wangen, die man an den slavischen Köpfen der Einwohner zu bewundern hatte. Keine Stadt Deutschlands hat ein so zahlreiches uud so demoralisirtes Proletariat, als Breslau, und ich muß hinzusetzen, in keiner Stadt ist es seit einem Jahr so furchtbar gewachsen, als hier. Das hat mehrere Gründe. Die slavische Vergangenheit Schlesiens hat seiner Hauptstadt als letztes Erbthcil eine schmutzige Armseligkeit und Mangel an Energie in den unteren Schichten der Vermögenslosen zurückgelassen. Die Nachbarschaft Polens und die HandelsverlMnisse Schlesiens als einer Grenzprvvinz, haben große Entwicklung der Industrie viel weniger, als einen Kleinhandel und Handwerkerthätigkeit begünstigt. Die Bevölkerung Brcslans besteht fast ausschließlich aus kleineu Handwerkern, solchen, die ohne Capital von der einen Woche zur andern lebten uud aus den großen Märkten der Hauptstadt und der Provinz ihre Existenz fristeten, die immer kläglicher wurde, je fester die polnische Grenze sich verschloß. Solche Bevölkerung kann die Verluste eines Nevolutionsjahrs nicht überstehen, ohne die größte Einbuße an Selbstgefühl und moralischer Kraft zu erleiden. Und dieser zahlreichste Theil der Bevölkerung, der arme zurückgekommene Bürger, war gefährlicher, uurnhiger uud gesetzloser als der Arbeiter, der an regelmäßige Fabrikthätigkeit gewohnt ist, oder der junge Gesell, der am Leben noch