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Aus Wien.
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Augenzwinkern, wie ehemals, und wittert in jedem fremden Gesicht mit Kalbs­augen nnd einer spitzen Nase den Naderer. Selbst der Wein schmeckt dies Jahr wie Krätzer. Man hat keine Freude au seiner Umgebung, keine Hoffnung sür die Zukunft, keiu Vertrauen zur eigeueu Kraft. Unsere einzige politische Nah­rung sind die Berichte von den Kriegsschauplätzen nnd da schwanken wir auch wie Buridans Esel zwischen den Heubündeln Italien uud Ungarn, oder besser, wie das Zünglein einer Waage zwischen freudiger Hohe uud tr'auriaer Tiefe. In Italien Sieg über Sieg, i» Ungarn Verlust über Verlust. Ich'wünschte Sie eine Stunde in mein Cafv an der Brücke neben mich, zur Rechten trinmphirt ein starker Herr über die Bülletius von Hcß und Schönhals, zur Linken murmelt ein junger Mann mit sehr akademischem Gesicht Vivat Bein, Vivat Dembinski. Ich in der Mitte habe keine Freude an keiner Nachricht. Freunde über der Grenze, wohin sind wir gekommen? Diese Kriege verwandeln die Menschen in Bestien, vernichten Ncchtsgefühl, Sitte, Menschlichkeit auf empörcude Weise; das ist keiu Kampf großer Gewalten, es ist ein gemeines Metzeln, Menscheublut fließt wie Wasser uud die Sieger treten in wildem Taumel aus den Leichen der Ge- tödteten hernm. In Italien haben wir das Ende des Kampfes nicht anders er­wartet. Wer die Italiener kennt und den Aufstand des vorigen Jahres unter ihnen erlebt hat, kann eine tiefe Verachtung vor diesem phantastischen Geschlecht nicht verwinden. Sie sind in der Politik nichts als große Earrikatnrcn ungezoge­ner Kinderseelen. Jähzornig, wüthend wie Thiere im Augenblick der Anfrcgnng und bei dein Widerstand fester Kraft gleich darauf feige und verzweifelt. Das Leben wird ihnen leicht, anch die Revolutionen sind ihnen ein Spiel. An bom­bastischen Phrasen sich berauschen, mit eitlem Flitterstaat von Monturen in bril­lanten Attitüoeu sich sprechen, ihre Feinde mit feinem Raffinement ärgern uud quäleu, das ist ihre Stärke. Nur ein großes Gefühl haben sie, uud leider, leider ist das Haß gegen uns, gegen Oestreich! Ein fanatischer, abstracter Haß, eine sehr rohe Empfindung, denn in ganz Italien werden Sie nicht hundert Män­ner finden, die Ihnen sagen können, weshalb sie Oestreich zu hasse» berechtigt sind; Feiude der Freiheit, das ist Alles, was mau Jhucu zu sage» weiß; was aber ihre Freiheit ist, das köuueu sie Ihnen nicht erklären, ohne das albernste Zeug zu schwatzen. Und doch hat dieser Haß Dank unseren Ministern jetzt wie­der eine Berechtigung gewonnen. Denn Oestreichs Protektorat ist für Italien keiu Glück mehr, welches zu freier Entwickelung der Volkskraft führen kann. So weit sind wir gekommen, daß wir den Italienern in Wahrheit Tyrannen sein müssen. Das Detail des Krieges kennen Sie ans den Zeitungen, die Erobernng Brescia's war das Furchtbarste/ was in dieser blutdürstigen Zeit geschehen ist, selbst aus den officiellen Berichte» sieht das Grause» heraus.'Wennunser" Melden den Oberbefehl über die ungarische Armee übernimmt, so sind wir schwerlich gebessert, auch er hat das Feldherrntaleut, welches wir in Ungarn brauchen, große Combinationskraft, noch nicht bewährt. Habe» Sie gelcse», daß der junge Esterhazy in Comvrn uuter den eingeschlossene» Magyaren befehligt und sein Vater der belagernden Armee 180 Fässer 'Wein zur Ermuthiguug sendet? Das ist ein Bild nnseres zerrissenen Lebens, Sohn gegen Vater, Brnder gegen Bruder; das Heiligthnm des Fami­lienlebens ist durch vergossenes Blut entweiht und die Erynnien sitze» ihre Schlan- gcngeißeln schüttelnd an den Pforten der Zukunft. M

Aus G r «r h.

Wie vor den Märztagcn sich die aufrichtigen Freunde des Vaterlandes in de» Grenzboten aussprechen und besonders wieder nach den Maitagen des v. I., als der