Preußische Briefe.
Ächter Vrief.
Berlin, den 12. April 1849. Die deutsche Frage in den preußischen Kammern.
Herr v. Meusebach hatte neulich in der zweiten Kammer die Kühnheit zu behaupten, er wittere schon den Leichengeruch, der auch der neuen Versammlung ihr nahe bevorstehendes Schicksal verkündige. So widerwärtig das Hämische dieser Bemerkung klingt, so drängt sich doch eine ähnliche Jedem auf, der ohne Vor- urthcil beobachtet. So bedeutend die Kräfte diesmal sind, die sich in dem Som- merlocal des Döhnhvfplatzes zusammendrängen, die Lebensfähigkeit eines organischen Ganzen geht ihnen ab: nachdem sie den ersten großen Schritt gethan haben, den das preußische Volk von ihnen erwartete, die Anerkennung der oetroyirten Verfassung, hat die Parteibildung eine so anomale Form angenommen, daß es unmöglich scheint, sie zu einem bestimmt formnlirten Beschluß zu vereinige». Die Sitzung vom 5. April gab ein trauriges Bild dieser krankhaften Entwickelung. Wenn ein Ereignis?, wie die Kaiserwahl und die dadurch hervorgerufene Erklärung der Krone nicht im Stande sind, die Versammlung zu elektrisiren, so wird es schwer, von irgend einer neuen Wendung dieses productive Lebenselement zu erwarten, das den bisher nur mechanisch verbundenen Gliedern eine Seele einhaucht.
Die Redner der reactionäreu Partei verstehen freilich die Lebensfähigkeit einer Versammlung anders als wir. Der Tod, den sie wittern, ist nicht die natürliche Auflösung, sondern das Ende eines blntigen Conflicts. Sie sehen namentlich in der zweiten Kammer eine übelgesinnte Opposition gegen die weisen Beschlüsse der Regierung, uud glauben uoch an die Militärgewalt, sie werde hinreichen, den Trotz eines unberechtigten Widerstandes zu brechen. Sie täuschen sich, denn die jetzige Versammlung ist uicht mehr der Ausdruck der Revolution, der man im äußersten Fall durch eine Contrerevolutivn begegnet, sondern es ist das gesetzliche Organ der, öffentlichen Meinung. Der Kampf gegen eine revolutionäre Gewalt ist, wenn er glücklich ausgeht, eine „rettende That;" die Verletzung der Verf.is-
Grenzbvtt». ^