457
Das Räthsel vom Hebbel'fchen Diamanten.
Indem ich hier dem Leser einen Versuch vorlege, die wunderliche Komödie unseres geistvollen Dichters zu deuten, glaube ich zunächst zur näheren Verständigung einige Bcmerknngen vvranschicken zu müssen, damit er es mit dieser Deutung auch nicht zu ernst uehme.
Wenu irgend einer Dichtung die Mystik des Orakelspruches innewohnt, so tritt sogleich der Erklärer oder Ausleger in jenes Recht, das er dem in sich selbst klaren Kunstwerk gegenüber nicht hat, und die Schranke seines guten Rechte« läßt sich um so weniger bestimmen, je mehr der Sinn der Dichtung sich in unsagbarer Tiefe hält, uud mit uns Versteckens spielt. Wenn sich die ganze Tiefe eines Kunstwerkes nicht in der Oberfläche desselben spiegelt, wenn seine Seele und innere Bedeutung nicht, wie an einem Auge, au ihm heraus tritt, — dann steht es einem Jeden frei, sie hin ein zudichten, wenn er eben Lust und Geschick dazu hat. Eiu solches Kunstwerk ist eine Sphinx, eine unklare Räthselfrage an jeden vorübergehenden Wanderer, der wieder uur sich selber fragen muß, wenn er auf die Frage des Kunstwerkes sich selbst Antwort geben will. Solch eine Dichtung ist nicht fertig gedichtet; jeder, der sie liefet, dichtet sie weiter, und behilft sich, so gut es gehen mag, mit seiner eigenen Laterne in der romantischen Nacht.
Diesem Schicksal kann auch der Hebbel'sche Diamant nicht entgehen. Als ich in der jüngsten Zeit wieder diese Komödie hervorsuchte, und die bekannten Gestalten des Bauers Jakob, des Juden Benjamin u. f. w. an mir vorüberwandeln ließ, da summteu mir Journale uud Reichstagsberichte durch den Kopf, und ich träumte zwischendurch von den souveraiueu Bauern, die im Reichstag von Kremsier saßen, von den bewilligten 80 Millionen, die kein Haus anweisen will, uud von ähnlichen Dingen. Aber gerade in diesem träumerischen Zwielichte ging mir die Bedeutung der Komödie auf, der Diamant funkelte mich wie ein Auge an, — das Geistige zuckte iu ihm und schloß sich auf, während es früher in der krystallinischen Form noch gebunden war. Wenn daher die Komödie Hebbels als ein Traum gelten mag, den der Dichter am Morgen vor dein Publikum erzählte, so soll diese Deutuug selbst uichts anderes seiu, als wieder nur ein Traum, in dein ich das Wort jenes Räthsels zu vernehmen glaubte.
Der glanzlose Kohlenstoff des irdischen Lebens concentrirt sich hier und da und blitzt dann glänzend uud zum Krystall gereinigt auf, — aus der schwarzen Noth des Erdenseins glänzt hier und da die Macht sonverainer Freiheit hervor: und ich bilde mir eben ein, daß dieser Diamant, die souveraiue Kraft, in
Gr-nzbot«n. l. I»i9. 58