355
Mifanthropifches Geplauder tm Belagerungsznstande.
I.
Aus Wien.
Die unfreiwilligen Ferien der Weltgeschichte hier in Wien — gestatten Sie mir die Umschreibung des häßlichen Wortes Belagerungszustand — mögen unser langes Stillschweigen bei Ihnen entschuldigen. Der alte Oxenstierna schickte seinen Sohn auf Reisen, damit er lerne, mit wie wenig Klugheit die Welt regiert wird; wenn er heute lebte, würde er ihn wahrscheinlich dircct nach Wien schicken; es ist in der That so ziemlich das Einzige, worüber sich hier gründliche Studien macheu lassen. Die Krücken der invaliden NegicrungSwcisheit liegen noch immer in sehr handgreiflicher Gestalt als Achtzehn- und Vierundzwanzigpfündcr aus der Bastei, oder werden als scharf geladene, schußfertige Gewehre von kroatischen Patrouillen zärtlich auf dem Arme herumgetragen, wobei des Abends immer einer sorgfältig mit der Laterne voranleuchtet, und jeder Erlaß unserer Behörden ist zugleich ein mehr oder minder deutliches Bulletin über das unerfreuliche Befinden des hohen Kranken. Lesen Sie die Ermahnungen und Dccrcte unsrer hohen Obrigkeit, es ist der Mühe werth zu sehen, wie die Cultur, die sonst doch unverschämt genug ist, alle Welt zu belecken, vor dem Styl einer östreichischen Militärbehörde ängstlich zurückschaudert. Das sind so die humoristischen Oasen, die dann und wann in unsern öffentlichen Blättern aus der trostlosen Wüste von Begnadigungen zu Pulver und Blei, zehnmaligem Gassenlaufen oder schwerem Kerker auftauchen. Eine stehende Rubrik bildete» außerdem in der ganzen Zeit Berichte über mystische Schüsse, die ans Hänsern und vvrüberfahrcnden Fiakern auf einzelne Soldaten gefallen sein sollten. Ich kann freilich weiter nichts sagen, als daß ich diese Schüsse nicht gehört habe; aber es gehören wenig nationalökonomische Kenntnisse dazu, um zu wissen, daß sich jede Waare dahin zieht, wo sie den besten Markt findet; wunderbare Gerüchte sind einmal für den glanbcnsbcdürftigen Wiener eine Nothwendigkeit, und es wird täglich eine staunenswcrthc Menge davon consumirt. Jedenfalls bieten diese Schüsse unserm alten Gouverneur Melden einen vortrefflichen Text zn den salbungsvollen Straf- und Bußpredigten, die er von Zeit zu Zeit an die Wiener richtet. Vor ein paar Wochen war eine Schutzwache in Hctzcndors wirklich schwer verwundet auf ihrem Posten gefunden worden; soviel ich weiß schwebt über der ganze» Geschichte noch ein trübes Dunkel, der Vorfall ist noch nicht aufgeklärt; genug, in der Bekanntmachung, die das Factum der Bevölkerung von Wien mittheilte, hieß es am Schlüsse ungefähr: „das Betrübcndste aber ist, daß auch die Bcsscrgcsinntscinwollcndcn sich noch immer nicht zusammenlhün, um diesem Unwesen ein Ende zu mache«, und nach wie vor Alles dem Militär überlassen." — Sie können sich die Verzweiflung der „Gutgesinnte»" denken, die nöthi- genfalls die Seele ihrer Großmutter dem Teufel verkaufen würden, wenn sie dem Gouverneur damit einen Gefallen thäten; was sollten sie thun? Sollten sie cmcn
45*