Beitrag 
Das Neujahr in Prag.
Seite
196
Einzelbild herunterladen
 

196

zustande befinden, und Ungarn für Oestreich erobert wird, träumt man in Krem- sier von der möglichen Freiheit in dem künftigen Oestreich, schasst im Traume den Adel ab, und dichtet ein Utopien in 3(1 Paragraphen. Unsere Regierung läßt aber vorläufig dem kleinen Dillctantcnthcater zu Krcmfler eine mäßige Bühnen- freiheit -- weil ohnehin nicht über diesen Winter hinaus dort gespielt werden wird.

I. K.

Der Reichstag in Kremsier und die Oestreicher.

Die außerordentliche Spannung, welche in den letzten Wochen der östreichische Reichstag in Kremsier erzengt hatte, mußte demselben beweisen, welches Vertrauen ans seine Wirksamkeit er noch im Volke genösse. Mit gleichem Zuruft munterte die Presse Böhmens, wie die Oestreichs, die gesammtcn Vertreter der Nationen auf, lieber Gefahr zu lausen, die Auslösung zu erleiden, als in Folge der plötzlichen Erklärung Stadion'S irgend wie nachgiebig zu erscheinen. Die Nachricht einer Verbinvuug der Rechten mit der Linken am Reichstage hat die extremsten Hoffnungen hervorgebracht; die Journa­listen freuten sich des frischen Lustzuges, welcher die Gemüther unserer Patrioten durch­ziehe und in Prag wurde der unerwartete Rns gehört: daßendlich" die Rechte ihre und der Czcchcn Ehre rette. Die Gerüchte über sehr ucche Auflösung der Kammer waren allgemein, so daß die ministerielle Presse Wiens eben so ernstlich dieselben be­sprach, als die Deputaten in der Kammer.

Dies sind deutliche Beweise, welche Theilnahme der Kammer von allen Seiten und von allen Nationen geschenkt wurde. Erinnern wir uus nun, daß in dieser Kam­mer im September schon, ja auch eine» Monat früher, in dem magyarcusrcuudlichen Wien jener demonstrative Auftritt geschah, wo die Einheit der östreichischen Völker als Hauptziel die Regierung und einer großen Partei verlangt wurde, und wie von da die bis jetzt noch völlig unklare Zusammcusctzuug eiuer östreichischen Kammer aus allen Nationen, Polen, Ungarn und Italienern gepredigt ward, wie die Petitionen der siebenbürgischcn Sachsen und die Vorschläge der Kroate» nicht minder als die kaiser­lichen Prvclamationcn den Znsammentritt dieses Reichstages in Aussicht stellten!

Die Großartigkeit der Idee, welche Borrvsch in der Numpfkammcr Wiens wäh­rend der Octobcrercignisse unter allgemeinem Enthusiasmus derselben Wiener vcrküudigte, die nicht blos gegen die Art und Weise, sondern überhaupt gegen die Einmischung der Negierung in den ungarischen Kampf die Waffen ergriffen, hat im Volke Bewunderung erregt, uud es ist uicht Eine Stimme laut geworden, welche ein anderes Mittel ge­wußt hätte, um die Einigung Oestreichs zugleich mit allen Garantien der Kraft, Frei­heit und Entwicklung zu erzielen. Die Armee hat mittlerweile mit ihren ceutralisirten Corps an allen Punkten der ausgedehnten Monarchie eine eigenthümliche Einheit rasch wieder hergestellt und in diesen Tagen sogar dasselbe bürgerliche uud Strafgesetz über alle diese früher so verschiedenen Lande ausgebreitet, indem das Standrecht und das Kriegsgesctz gegenwärtig nicht blos in dem Königreiche Polen, sondern auch i» Italien uud im ganzcu ungarischen Antheile aufgepflanzt sind, die Civilbehördcn nnter die Militär­gerichte gestellt, alle Clubs, jede Presse, jedes nationale oder politische Abzeichen uud somit jeder Versuch der nationalen Separationen ohne irgend eine Ausnahme vom Grunde aus vernichtet wurden.

Deutschland selber hat in der Schwierigkeit zwischen zwei Großmächten einig zu wer­den, manche Fäden abgeschnitten, welche an dem einen Theile Oestreichs seitwärts zogen,