Staaten und Stämme in Dentschland.
Wenn ich in der alten Zeit meine Augen über die Karte Deutschlands schweifen ließ, so geschah es nur so oft ich mit Neiseplänen umging, die ich trotz aller an Volger und Cannabich geopferten Stunden doch niemals im Kopse zu verfertigen im Stande war. Außerdem hütete ich mich mit einer wahren ängstlichen Scheu, meinem ästhetischen und politischen Schicklichkeitsgefühl durch einen Blick auf die wirren Farbenklekse, zu denen kaum der Vorrath einer ganzen Palette ausgereicht haben mochte, zu nahe zu treten. Und doch bedeutete ein jeder einen vollständigen, untadeligen, souveränen königlichen, großherzoglichen, herzoglichen oder fürstlichen Staatencomplex, der laut des gothaischen Hosalmanachs zu der dritten, vierten, fünften oder sechsten Klasse der europäischen Mächte gehören sollte. Nur in die nordöstliche Ecke schaute man uoch mit einigem Behagen, dort war alles weit und breit mit einer und derselben höchst soliden Farbe, dem bekannten Preußisch- Blau überzogen und es war tröstlich zu denken, daß auch hier einstmals, laut Spruners historischem Atlas, der Leib unseres deutschen Vaterlands eine verzweifelt scheckige, aus rothen, gelben, grünen und blauen Lappen zusammengeflickte Jacke getragen hatte; aber jetzt sah sie so viel einfacher und anständiger ans, warum — so flüsterte eine tröstende Stimme — sollten die übrigen Glieder sich nicht auch allmälig zu der erweislich höchst praktischen Farbe bequemen? Indessen, damals mußte man sich mit dergleichen Hochverrätherischen Gedanken vor der Polizei und fast noch mehr vor den lieben Landsleuten gewaltig in Acht nehmen, denn diese letzteren behaupteten steif und fest jeder von seinem eignen Fetzen, daß seine Farbe höchst anmuthig und den Augen zuträglich und nur die des Nachbarn allzu grell und glotzig aufgetragen sei, während die erstere blos von der Ansicht ausging, daß jeder, also auch der deutsche Nechtsboden, etwas buntscheckig aussehe, und die Aesthetik nichts hinein zu sprechen habe. Ich wußte wohl, es gab uoch viele, die ebenso dachten, wie ich, aber aus Furcht vor der Polizei und den Landsleuten schwiegen sie eben so stille, wie ich. Wunderlich jedoch kam es mir vor, daß sie auch in diesem gesegneten Frühjahr und Sommer, wo alles, dem Gesaug gegeben gesungen, oder doch wenigstens gezwitschert und gekrächzt hat, noch stille, wie vordem geblieben sind. Vor der Polizei konnten sie sich doch nicht fürchten,
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